Heimweh

Ich hatte vor zwei Tagen Lust auf Pizzabaguette von Aldi. Ich habe keine Ahnung, wie es mir plötzlich in den Sinn kam. Gibt es die überhaupt noch? Die Pizzabaguettes von Aldi? Darf ich das hier im Blog nennen? Wahrscheinlich. Ist ja auch egal. Fakt ist, auch das ist eine Form von Heimweh. Ganz plötzlich überkommt es dich. In einer ganz normalen Alltagssituation, und du musst lernen damit umzugehen. Du musst dich nicht nur mit deinem Leben in der Ferne auseinandersetzen, sondern auch mit dem, was du zurückgelassen hast.

Heimweh ist ein sensibles Thema unter Auswanderern. Es ist bei weitem nicht einfach, dieses Gefühl zuzulassen, katapultiert es einen in eine Gedankenflut aus der man schwer herausfindet. Manchmal piekt das Heimweh nur, manchmal ist es überwältigend. Manche ignorieren es, manche schwelgen darin und wieder andere, leiden darunter. Doch jeden hat es bestimmt schon einmal gepackt. Dafür muss man nicht mal ausgewandert sein.

Wer als Kind für mehrere Tage auf einem Schulausflug war und etwas machen oder essen sollte, was man nicht wollte – da kam dann dieses kurze Ziehen in der Brust, dass man jetzt bitte gerne zuhause sein möchte. Auch das war eine Form von Heimweh. Wer bereits einmal umgezogen und „weggezogen“ ist, auch der hat sich vielleicht schon mal bei diesem Gedanken erwischt, „wenn ich jetzt in das Café gehen könnte, wo sie immer so leckeren Eiskaffee haben.“ Oder ähnliche Gedanken. Die Freunde, die man vermisst, die Familie. Man verpasst eine Feier, oder die klassische Samstagabend-erst-Restaurant-und-danach-ausgehen-Routine.

So etwas oder ähnliches oder annähernd ähnliches hat doch jeder schon mal erlebt, oder? Na, so geht es den Auswanderern auch. Manchmal in kleinen Versionen, manchmal in großen Perioden. Je nach dem, wie weit man weg wohnt, von der Person, der Sache, der Aktion, die man vermisst.

Die Frage ist wie immer: Wie reagiere ich darauf? Bei Essen würde ich versuchen, mir etwas annähernd ähnliches zu suchen, oder etwas was ich in Deutschland nicht bekomme, und mir sagen „ha, das ist doch viel besser als… (in meinem erwähnten Fall Pizzabaguette von Aldi)“. Bei Menschen, Orten, Gefühlen ist es natürlich schwieriger. Trotzdem ist es wichtig, dieses Heimweh nicht einfach wegzudrücken. Es könnte sich aufstauen und in schwierigen Momenten in der Ferne könnte es als geballte Frustrationsbombe platzen und man fühlt sich fremd und allein, ein Kulturschock setzt ein oder man stellt alles in Frage und will nur noch weg.

Wie reagiere ich auf Heimweh? Mit Telefonaten, mit Fotos, mit Erinnerungen. Sogar mit Dankbarkeit, dass ich Heimweh fühlen darf, weil es dann ja scheinbar nicht schlecht war, was ich alles vor meiner Auswanderung erlebt habe. Es ist alles Teil von mir. Macht mich zu dem Menschen, der ich bin. Daher ist es in Ordnung, Dinge, Menschen, Gefühle zu vermissen.

Was ist, wenn du eine Person bist, die gar keine Heimweh-Gefühle hat? Nicht mal Spaghetti-Eis oder DM (der Klassiker aller Auswanderer – DM – das ist schon ein Running Gag). Ich finde, auch das ist völlig in Ordnung, solange hier keine unterdrückten Gefühle vorliegen. Es gibt Menschen, die so sehr im Hier und Jetzt leben, die gar nicht darüber nachdenken, was sie zurückgelassen haben. Das ist beeindruckend und hätte ich auch manchmal gerne. Doch am Ende, bin ich die, die irgendwo in Mexiko hockt, und Pizzabaguette von Aldi vermisst. So ist das eben mit dem Heimweh. Jeden erwischt es anders. Es ist etwas höchstpersönliches. Am Ende habe ich Quesadilla mit Chili-Salsa und Avocado gegessen. Das war auch ok.

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2 Comments

  1. Das ist bei mir tatsächlich anders. Ich bin vor fast 24 Jahren nach Mexiko ausgewandert und wirklich Heimweh hatte ich nie. Ich vermisse meinen Bruder, aber dazu muss ich nicht in Deutschland sein. In meinem Fall ist es vielleicht so, dass ich mein Leben hier lieber mag als das was ich in Deutschland hatte.

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    1. Vielen Dank für deinen Kommentar! Das ist wirklich wunderbar, dass du nie Heimweh hattest. Dann bist du in Mexiko ganz und gar zuhause. Das ist bemerkenswert! Viele liebe Grüße

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