Unsere Haushaltshilfe Josefina fällt seit über zwei Woche aus. Ihre Mutter ist an einem Herzinfarkt verstorben. Natürlich geben wir Josefina die Zeit, bis sie alle Angelegenheiten geregelt hat. Sie fehlt hier trotzdem. Ich nenne sie stets, meinen „Engel im Haus“, weil sie mir einen großen Teil an Haushaltsarbeit abnimmt und es eine deutliche Entlastung ist, wenn ich nicht alles alleine machen muss. Mein Mann kann mir nicht helfen, er hat lange Arbeitszeiten, am Wochenende sind wir auf dem Dorf und auch er darf mal entspannen.
Eine Haushaltshilfe zu haben, dass stößt vielen Deutschen im Ausland lebenden immer noch sauer auf. Wir Deutschen sind stark, unabhängig und vor allem schaffen wir alles alleine. Eine Haushaltshilfe klingt nach Sklaverei und schlechter Bezahlung. Klingt nach Adel – Herrschaften, die sich nicht schmutzig machen wollen. Der Deutsche ist aber doch ein Arbeiter und fühlt sich nicht als was besseres. Daher verstecken sich diejenigen, die eine Haushaltshilfe haben.
In Mexiko wiederum und unter den Mexikaner ist es herzlichst normal, dass derjenige, der es sich leisten kann, eine Hilfe im Haus hat. Ich sehe mich als Arbeitgeber. Mein Mann hat jemanden, der ihm auf dem Feld hilft, während er in der Universität arbeitet. Ich habe jemanden, der mir im Haus hilft, während ich die Kinder betreue, unsere Familie organisiere, mit frischer Wäsche, gesundem Essen und unser Haus zu einem Heim verwandle. „Patrón“ heißt es hier so schön, wenn man Arbeitgeber ist. Patrón oder patrona kommt aus dem lateinischen patronus – und wer Harry Potter gelesen hat, der weiß, dass das Beschützer, Verteidiger bedeutet.
Man ist so viel mehr, als nur ein Arbeitgeber. Zumindest wir als Familie nehmen diese Aufgabe sehr ernst. Treue und Loyalität werden in dem Sinne belohnt, dass wir die gesamte Familie von Josefina unter unsere Fittiche nehmen. Ebenso die Familie von dem Arbeiter auf dem Land. Wir kümmern uns. Josefina bekommt weiterhin ihr Gehalt, auch wenn sie nicht kommt. Wir haben ihr etwas Extra gegeben, damit sie die Kosten annähernd begleichen kann, die nun auf ihre Familie hinzukommen. Ich habe ihr Essen vorbei gebracht, vorwiegend Obst. Ich frage nach, wie es ihr geht und biete meine Hilfe an. Unser Arbeiter auf dem Land, übrigens ein entfernter Cousin meines Mannes, hat einen 6-jährigen Sohn, dem wir gerne Spielzeug geben, weil seine Eltern es sich nicht leisten können. Zudem haben sie auch ein fünf Monate alten Sohn. Kurz nach Iyari, unserem 3. Kind geboren. Da wir wissen, dass wir kein Baby mehr haben wollen, gebe ich alle Kleidung im guten Zustand weiter. Unser Baby ist etwas älter und dicker und so passt es noch gut, mit der Größe und die Familie nimmt es dankend an. Ich freue mich, dass unsere Babysachen, teilweise aus Deutschland importiert noch einen guten Zweck – vielleicht sogar mehrere Zwecke finden. Denn es gebe wohl noch ein paar andere Babys im Kreise ihrer Verwandschaft – das was ihrem Baby nicht passt, reichen sie ebenfalls weiter.
Es ist also in vielerlei Hinsicht ein Geben und Nehmen. Das Gehalt ist Anerkennung für eine Leistung. Klar, komme ich gerade irgendwie zurecht. Wir versinken jetzt nicht völlig im Chaos. Aber ich sehe meine Unterstützung für Josefina auch als Unterstützung für eine allein erziehende Mama in Mexiko an. Was nicht immer ein leichtes Leben ist. Mein Mann hat ihrer Tochter auch schon mal in Mathe geholfen. Was ich damit sagen will, es ist mehr als ein Arbeitsverhältnis und dass ich jemanden habe, der mein Haus putzt. Es ist eine Beziehung. Eine natürliche Unterstützung zwischen Familien. Und das ist es doch, was zählt. Das man sich mit Respekt und Dank begegnet.
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