Ein Wochenende auf dem Dorf

Hier auf dem Dorf geht die Zeit langsamer und doch vergeht sie schneller. Es ist paradox. Freitags kommen wir am frühen Abend an, erzählen und essen etwas. Die Kinder stürzen sich in die Erde, sind dreckig und nicht davon abzuhalten. Wir haben ihnen Kinder-Spaten gekauft, mit denen sie die ganze Erde umgraben. Hier gibt es keinen gut gepflegten Rasen. Die Hühner laufen aufgeregt umher, wenn wir kommen. aufgescheucht in ihrem sonst so ruhigen Garten. Kleine Küken laufen wild piepsend hinter der Glucke hinter her. Die Hähne krähen und plustern sich auf, um dann am Ende doch lieber die Flucht zu ergreifen, in eine Ecke, wo die Kinder sie nicht stören.

Die Hunde – es sind mittlerweile drei an der Zahl – sind aufgeregt, weil wir kommen. Sie bleiben aber vorerst in ihrem Bereich, weil sonst das Chaos perfekt wäre. Man hört nur ihr Jaulen, weil sie uns begrüßen wollen. Zum Abendbrot gibt es ein Gebäckstück mit atole – ein Maisstärke-Getränk. So wie sehr flüssiger Pudding. Warm und macht unglaublich satt.

Dann werden die Kinder gebadet, oder eben auch nicht. Das kommt auf ihren Schmutzfaktor an. Morgen früh noch vor dem Frühstück sind sie eh wieder dreckig. Also ab in den Schlafanzug und in unser Familienbett. Was wir hier auf dem Dorf im Gegensatz zur Stadt sehr wohl haben und immer mehr Gefallen dran finden. Zwei mexikanische Ehebetten zusammengeschoben ergeben 2,70 Meter Fläche. Die Kinder lieben es. Sie hüpfen wie wild auf den Betten. Ehe wir sie beruhigen können und sie endlich mal eine Schlafposition einnehmen ist es längst nach zehn Uhr.

Am nächsten Morgen weckt mich Tanok, unser Älteste, meist zwischen 7 und 8 Uhr. Er will Fernsehen, aber es gibt derzeit keinen Fernseher. Erstmal auf die Toilette. Wir ziehen beide eine Jacke an. Es geht nach draußen, durch den Garten zum Badezimmer. Mexikanische Häuser, traditionelle mexikanische Häuser, sind nicht ein Komplex mit Flur von dem die Zimmer abgehen, sondern entstehen nach und nach. So treten wir also nach draußen. Es ist frisch, die Sonne geht langsam auf. Die Hähne krähen seit zwei Stunden und verkünden den neuen Tag. Wir schlurfen mit unseren Pantoffeln zum Badezimmer und wieder zurück. Fernseher gibt es immer noch nicht. Ich versuche es mit einem Buch, einer Kinder-App auf dem Handy. Ich lese etwas, notiere meine Gedanken.

Meine Schwiegermutter werkelt in der Küche. Sie wäscht das Geschirr vom Abend, wischt durch die Küche. Alles mit kaltem Wasser. Dieses holt sie aus einem Wassertank, der am Rande im Garten an der Mauer steht. Sie trägt das Wasser in die Küche und mit einem Schüsselsystem, durch das nur sie durchsteigt, wäscht sie das Geschirr. Vorwäsche, Hauptwäsche, Trocknen.

Wir stehen langsam auf. Die Kinder werden angezogen, denn sobald sie das Haus verlassen, sind sie dreckig. Wir haben extra „Dorf-Schuhe“, die robust sind und ihren Zweck erfüllen. Sind alle fertig, holen wir die Tortillas. Die Kinder wollen natürlich mit, weil wir meistens auch zum Laden gehen und dann ein Saft oder Joghurt für sie abfällt.

Es ist mittlerweile halb elf morgens. Wir frühstücken. Im Anschluss gibt es etwas zu reparieren oder es wird auf die Felder gefahren, um ihren Zustand zu begutachten. Wir warten auf Regen, noch wurde nichts gesät, aber die Erde wurde vorbereitet, damit es los gehen kann.

Mittag wird gegen 15 Uhr gegessen. Vielleicht haben wir ein gebratenes Hähnchen geholt, oder die Schwiegermutter zaubert etwas. Für mich ist am Wochenende meist Pause. Wir essen Wassermelone und spucken die Kerne auf die rote Erde. Die Kinder sind nun wirklich schon super dreckig. Zum Essen werden daher die Hände gewaschen, meist essen sie aber nur wenig oder im Vorbeigehen, wenn man ihnen einen taco in den Mund schiebt.

So verläuft der Tag ganz ruhig. Manchmal kommt unangemeldet Besuch vorbei. Verwandte, Nachbarn, man quatscht und erzählt sich das Neuste. Ich lege auch gerne mal die Beine hoch und genieße die Ruhe.

Abends werden die Kinder dann wirklich gebadet, wenn man nicht vergisst, Gas zu kaufen. Wir hatten es schon mal so, dass wir durch fehlendes Gas den Boiler nicht erhitzen konnten und somit das Wasser auf dem Herd erwärmt haben und die Kinder mit Eimer und einem Plastik-Becher badeten. Die Kinder fanden es klasse und wir merkten überraschend, dass wir viel weniger Wasser verbrauchen.

Am Sonntag wiederholt sich alles ähnlich und entweder fahren wir nach dem Baden der Kinder Richtung Zacatecas oder wir fahren am Montagmorgen, das hängt von einigen Faktoren ab. Zumindest beginnt dann wieder unsere normale Stadt-Woche mit den üblichen Dingen. Bis es am Freitag wieder heißt: Ein Wochenende auf dem Dorf!


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