Leben am Berghang

Leben am Berg - Aussicht prima, Akustik miserabel
Leben am Berg – Aussicht prima, Akustik miserabel

„Jornando Rafael el Segundo“ — ernsthaft!? Der Zweite? Ich weiß nicht, ob ich über diesen Beinnamen Lachen oder Weinen soll. Es ist Mittag, kurz vor halb drei und wie jedes Mal, wenn ich um diese Zeit Zuhause bin, wünschte ich mir, ich wäre es nicht. Zumindest schwöre ich mir, dass wir uns niemals ein Haus in der Nähe einer Privatschule bauen oder kaufen werden. Jeden Mittag um mehr oder weniger die gleiche Zeit holen Eltern oder Kindermädchen oder wer auch immer ihre Schützlinge von der Schule ab. Und damit der Abholer nicht aussteigen muss, werden die Kinder lautstark per Mikrofon und Lautsprecher ausgerufen! Das hallt hier an den Berghängen so schön, dass ich im Laufe der letzten zwei Monate theoretisch eine schöne Liste an Vornamen für unser Kind zusammen hätte und auch weiß, dass Elena oft nicht richtig hinhört und mehrmals aufgerufen werden muss. Wer weiß, was sie noch Wichtiges mit ihren Freundinnen besprechen muss.

Es ist elendig nervig. Wenn es aber nur das wäre – regelmäßig am Vormittag üben die Mitglieder der Schulband. Trommeln und Trompeten!! Man bedenke die Berghänge und den Schall. Stundenlang. Und die Kleinen treffen nicht jeden Ton – also, nicht dass das ein reinster Ohrenschmaus wäre. Nein, es klingt auch noch schrecklich. Montags ist das übrigens schon um 7.30 Uhr – Fahnenappell, denn die Mexikaner sind ja stolz auf ihr Land. Was man einmal mehr anhand der Nachrichtenlage unverständlich finden muss, aber ich bin ja nun gerade die Richtige das zu sagen, aus einem Land stammend, indem Wegsehen vor 80 Jahren zur Tagesordnung gehörte.

Ja, ich bin etwas aufgebracht und habe in dieser Privatschulen-Sache noch nicht die richtige Buddha-mäßige Ruhe gefunden. Schön ist dann auch jeden Tag das Verkehrsaufkommen rund um die Schule – denn JEDES Kind wird mit dem Auto gebracht und abgeholt. Es wird gehupt und gedrängelt – und gerade ersteres bekomme ich hier am Berghang mit. Es lebe die Dreifach-Verglasung bei Fenstern, die es in Mexiko leider aber nicht gibt.

Hoffentlich hat wenigstens Jornando Rafael el Segundo einen schönen Tag gehabt. Ich muss jetzt wieder Geschichte lernen, am Montag ist Examen.


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