Der Oktober ist ein sehr schöner Monat in Zacatecas. Besonders nach der Regenzeit blüht und grünt hier sehr viel. Da es dieses Jahr besonders viel geregnet hat, haben wir ein Blumenmeer bewundern können, sobald wir die Stadt verließen. Nach dem patriotischen September (Gedenken an die Mexikanische Revolution) ist der herbstliche Oktober ruhiger und endet in den Festivitäten des Tages der Toten.
In der Universität lief alles sehr hektisch. Nach sechs Wochen vollem Durchpowerns seit Ende August war bei mir im Oktober so langsam die Luft raus. Ich merkte, dass ich mich weniger konzentrieren konnte, ich länger für meine Aufgaben brauchte. Das Tempo wurde aber nicht langsamer, bis vor zwei Wochen dann plötzlich alles still stand: Die Uni wurde bestreikt. Das ist in Zacatecas kein neues Thema. Die Universität ist dafür bekannt finanzielle Schwierigkeiten zu haben. Jahrzehntelange Misswirtschaft, Vetternwirtschaft und Korruption lassen den „Strick um den Hals“ immer enger werden.
Noch gab es stets einen Ausweg und niemand möchte wirklich wissen, wo das Geld für diesen Ausweg herkommt. Die Universität ist eine autonome Institution, was bedeutet, unabhängig von der Regierung. Letztere kann daher nur zusehen. Es ist bei uns der größte Motor der Region und dennoch stottert dieser Motor vor sich hin und funktioniert nicht mehr. Jeden Moment könnte es zum kompletten Stillstand kommen, obwohl die Universität zusammengenommen gut 50 000 Studenten hat! Das ist enorm viel, für so einen kleinen Staat.
Umso trauriger stimmt es mich, dass es nur noch um Geld und Politik geht. Die Ausbildung der jungen Menschen, die Qualität der Lehre, Ideenreichtum und Innovation gehen völlig hinten runter. Niemand kann sich auf den eigentlich und so wichtigen Auftrag der Universität konzentrieren. Stattdessen ist diese Bildungseinrichtung Zielscheibe für Kritik und hämische Kommentare.
Ich selber erlebe nun von innen heraus, wie die Qualität der Ausbildung ist. Zacatecas ist wirklich nicht schwer, was das Lernniveau angeht, dennoch ist der Aufwand enorm. Wer wirklich lernen möchte, der kann einiges mitnehmen. Man kann aber auch nur das Nötigste tun und sich gerade so durchmogeln. Wie immer kommt es auf den Studenten an, wie interessiert er oder sie ist.
Der Streik im Oktober, der heute oder morgen nun beendet sein wird, kam mir ganz recht. Ich brauchte wohl eine kurze Atempause vor dem Endspurt. Die Vorlesungen enden mit dem November. Wir haben noch vier Wochen. Trotzdem konnte ich auch nicht mehr machen, als nur durchzuatmen, weil ich tatsächlich krank wurde letzte Woche und wenig Kraft hatte, diesen Streik für mich zu nutzen und zum Beispiel vorzuarbeiten.
Meine Kommilitonen ging es wohl teilweise nicht anders. Viele sind auf ihre Dörfer gefahren und ich bezweifle, dass sie dort großartig in die Bücher geschaut haben. Ich habe mich außerdem um zwei kranke Kinder gekümmert und so vergingen die letzten Tage sehr schnell.
Heute war für den Tag der Toten ein kleiner Umzug in der Grundschule und eine kleine Feier. Morgen haben die Kinder frei – der letzte Freitag im Monat ist immer Lehrerkonferenz. Das heißt die Kinder haben ein schönes langes Wochenende und wir werden den Tag der Toten auch als Familie zelebrieren.

Nicht nur Blumen, sondern auch die Tiere waren dieses Jahr irgendwie größer, dicker und zufriedener. Adler habe ich ewig nicht gesehen, weil sie es wahrscheinlich kaum nötig haben, auf Nahrungssuche zu gehen.
Entdecke mehr von NORA SCHMACKERT
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
