Als ich vor elf Jahren nach Mexiko gekommen bin, hatte ich ein Studentenvisum in der Hand. Ich war in der Fakultät für Fremdsprachenwissenschaften eingeschrieben und fing Ende August 2014 mit anderen 60 jungen Menschen voller Freude und Enthusiasmus an, zu studieren. Das Semester lief gut. Im Dezember schloss ich es als Jahrgangsbeste ab, was mir dazu verhalf im nächsten Semester keine Gebühren zahlen zu müssen. Allerdings wurde Ende Dezember mein erster Sohn geboren.
Im Januar war ich im Mutterschutz. Anfang März, als ich mich mental wieder darauf vorbereitete in die Uni zurückzugehen, mich bereits über Kitaplätze informierte (es gibt eine Kita nur für Kinder von Studenten auf dem Unigelände), klopfte es an meine Tür. Das Leben und auch eine Studentin, die Hilfe beim Deutschlernen brauchte. Cecilia wurde daraufhin meine langjährige Deutschschülerin. Es folgten andere. Ich begriff, dass ich keinen Studienabschluss brauchte, um eine gute Deutschlehrerin zu sein und auch nicht, um als solche akzeptiert zu werden. Ich kehrte nie wieder in die Uni zurück.
Dafür war ich acht jahrelang Deutschlehrerin. Privat und auch drei Semester in einem universitärem Sprachenzentrum. Ab 2020 dann auch Online und konnte vielen Menschen auch außerhalb von Zacatecas dazu verhelfen, ihre Deutschkenntnisse zu verbessern und vor allem den Mut aufbauen, die Deutsche Sprache zu nutzen. Das lief so gut, dass ich irgendwann gesättigt war. Mein Bedürfnis Deutschlehrerin zu sein, hatte sich erschöpft und ich hörte vor zwei Jahren damit auf.
Es passte sehr gut – das war der Moment als ich mit meiner Familie fast ein halbes Jahr in Deutschland verbringen sollte. Es war ein kleiner Lebensabschnitt. Hatte ich die vorigen acht Jahre nie Werbung machen müssen, alle Schüler sind immer zu mir gekommen und das waren immerhin um die 15 in Hochzeiten, so war es plötzlich ganz natürlich, dass nach dem Deutschlandaufenthalt niemand mehr zu mir kam. Die Deutschlehrerphase war damit abgeschlossen.
Ich ließ mir ein Jahr lang Zeit. Nachdem wir aus Deutschland zurückgekommen waren, nahm ich mir all die Zeit, die ich brauchte. Kümmerte mich „nur“ um die Kinder und das Haus und atmete tief durch. Wer mich kennt, weiß, dass ich nicht lange ohne Projekte oder Ideen auskomme. Genauso ist ja auch der Podcast zu diesem Blog entstanden. Ideen habe ich immer welche, jetzt war die Frage, was ich wollte. Wenn alles möglich ist, wie ist es dann? , fragt Ariane Vera, eine Freundin und bekannte Coachin immer. Wenn alles möglich ist, was will ich dann?
Im Oktober des vergangenen Jahres ist dann der Groschen gefallen. Ich werde nochmal studieren! Bis dato hatte ich ja nie eine mexikanische Ausbildung gehabt. In das Deutschlehrer-Dasein, war ich reingerutscht, weil ich nun einmal Deutsche bin und ganz gut Sprachen beibringen kann. Aber, wenn alles möglich ist, was will ich dann? Studieren – ich liebe es, mir neues Wissen anzueignen. Und schnell wusste ich, was ich machen möchte, wenn es möglich ist: Psychologie studieren. Seit Jahren beschäftigt mich das Thema Mentale Gesundheit, Glückssuche, Lebensplanung, Lebenssinn, Sinnsuche etc. Ich habe sogar einen Blog dazu! Falls du es noch nicht wusstest…. In Deutschland könnte ich niemals Psychologie studieren (Aufnahmezensus nach Noten), aber in Mexiko, ist so viel mehr möglich…
Mir gefiel der Gedanke mit 40 Jahren, denn ich bin im Juni 40 Jahre alt geworden, noch einmal ganz neu, und ganz was anderes anzufangen. Ein Thema was mich interessiert, was meine Augen leuchten lässt und was am Ende einen Uniabschluss bedeutet, in einem Bereich, in dem ich mir vorstellen könnte die nächsten 10 Jahre zu arbeiten (ich brauche immer Abwechslung, daher erlaube ich mir, nicht so lange im Voraus zu planen). Das mit dem Familienleben, das würden wir auch noch hinbekommen. Andere schaffen es ja auch. Also, den Gedanken im Oktober 2024 gefasst, bin ich heute, im September 2025 tatsächlich Vollzeitstudentin der Psychologie, Abschlussklasse 2030.

Da steht mein Name, als Beweis – auffällig, weil ich ja nur einen Nachnamen habe….
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