Vor 10 Jahren habe ich mich aus Deutschland abgemeldet. Der Personalausweis mit dem Aufkleber „Kein Hauptwohnsitz“ ist mittlerweile abgelaufen. Er liegt unbeachtet in einer Schublade zwischen anderen Kundenkarten und Bankkarten, die ihre Gültigkeit längst verloren haben. Ich besitze „nur noch“ einen Reisepass und meinen Führerschein – der aber kein wirkliches Ausweisdokument in Deutschland ist. In Mexiko schon. Hier habe ich einen mexikanischen Führerschein und neben meiner mexikanischen Bankkarte und meinem dauerhaften Aufenthaltstitel ist er es, den ich in meinem Portemonnaie habe und ständig bei mir trage. Ist meine deutsche Seite nach zehn Jahren nun genauso in Vergessenheit geraten, wie meine deutschen Kartendokumente in der Schublade?
Natürlich nicht. Daran werde ich wöchentlich erinnert. Wo ich herkomme, oder von wo aus ich Zacatecas besuche, werde ich jede Woche mindestens einmal gefragt. Das hängt davon ab, wie viel ich unterwegs bin. Bewege ich mich in meinen normalen Gefilden, dann kommt es nicht so oft vor, als wenn ich ins Zentrum gehe oder in ein Restaurant, etc. Trotzdem kommt es noch oft genug vor, denn nicht alle Menschen hier in der Hauptstadt, im nördlichen Teil von Mexiko, kennen mich. Logisch. Ich werde demnach regelmäßig an mein Fremdsein, an meinen Ausländerstatus und an meine Wurzeln erinnert.
10 Jahre in Mexiko. Was kann ich dazu sagen? Was habe ich gelernt? Ich kann behaupten, dass Chili nicht immer gleich scharf ist. Dass Bier mit Tomatensaft extra kalt, sehr wohl schmeckt und erfrischend ist. Dass ich eher der Sommer-Sonne-Typ bin, als der Winter-Regen-Typ, wie ich es zuvor stets dachte. Dass man auch ohne Heizung überleben kann. Dass die Landessprache zu lernen, unweigerlich nötig ist, um sich so richtig mit den Menschen und der Kultur zu verbinden. Dass es aber ohne die Sprache, bis zu einem bestimmten Punkt auch funktioniert. Ich habe auch gelernt, dass ich deutscher bin, als ich manchmal annehme und unsere Kultur, wo und wie wir aufwachsen uns nachhaltig prägt. Ich werde mich wohl bis an mein Lebensende über Autofahrer aufregen, über lautstarkes Verhalten der Nachbarn zu unüblichen Tageszeiten oder Ruhestörung im Allgemeinen. Wobei Unpünktlichkeit mich nicht so sehr juckt, wie „Unorganisiertheit“ in einer offiziellen Institution, wie Schule. Die deutsche Gemütlichkeit ist fest mit mir verbunden, was auch und vor allem die Ausstattung unseres Zuhauses angeht, wobei es den Mexikanern eher auf die Menschen ankommt, die in den vier Wänden wohnen oder sie besuchen, weniger auf Dekoration, Stil oder gar Gemütlichkeit. Dies gilt nicht für alle, natürlich nicht. Immer ist es auch eine Frage der Persönlichkeit.
Ich habe bemerken dürfen, dass „alle sitzen am Tisch und fangen an gemeinsam zu essen“ mir völlig abhanden gekommen ist, weil hier in Mexiko oftmals zu viele Personen und zu wenig Stühle vorhanden sind, weshalb praktischer Weise in Etappen gegessen wird. Es geht dabei in erster Linie um die Nahrungsaufnahme und dass alle satt werden, um danach gemütlich beisammen zu sein. Umgekehrt ist in Deutschland bereits die Nahrungsaufnahme der gesellschaftliche Akt. Und bei uns zuhause? Da versuche ich schon alle an den Tisch zu bekommen, zu gleichen Zeit. Aber alleine das Tortilla aufwärmen bringt schon die Unruhe rein – einer muss immer aufstehen und Nachschub holen.
Ich lerne nach zehn Jahren immer noch, geduldig zu sein, nicht immer zu sagen, was ich denke und Small Talk zu halten. Ich bin bescheidener geworden und sparsam, oftmals in Anbetracht derer, die weniger haben als ich. Ich darf staunen über Traditionen, und dass trotz scheinbarem Chaos in den Leben vieler Menschen, es einfach funktioniert. Ich durfte mein Sicherheitsdenken ein Stück weit ablegen, und lernen Vertrauen in das Leben zu haben, während ich beobachte wie viele Menschen von einem Tag zum nächsten, von einem Gehaltscheck zum nächsten leben.
Habe ich bereits alles gesehen und gelernt nach 10 Jahren ausgewandert sein? Nein, bestimmt nicht. Wahrscheinlich lerne ich nie aus. Immer wieder wird man darauf gestoßen, immer wieder entdeckt man Unbekanntes. Wer sich auf das Auswandern einlässt, der lässt sich auf ein lebenslanges Abenteuer ein.
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