Die Mexikaner und der Tod

Vor zwei Wochen war der Tag der Toten. Das ist ein für die Mexikaner besonderer Feiertag. Wer die zahlreichen Animationsfilme kennt (oder einen davon), hat eine kleine Ahnung, wie bedeutsam er ist, wie mysteriös. Dieses Jahr haben wir ihn anders zelebriert als sonst. In den Jahren vor der Pandemie, sind wir nur ein einziges Mal mit den Kindern losgegangen, um Süßigkeiten zu sammeln. Die Kinder waren zu klein, hatten kein Interesse. Dieses Jahr haben wir es gleich am Vorabend gemacht (üblich). Dafür den 2. November nur zuhause und nicht auf dem Friedhof wie die vergangenen Jahre verbracht, weil mein Mann krank war. Abends musste ich ihn sogar noch in die Notaufnahme bringen, aber das ist eine andere Geschichte (wie gut, dass wir am Vorabend mit den Kindern los sind – da wussten wir noch nicht, dass wir am nächsten Tag nicht können werden).

Wie ist es also mit dem Mexikanern und dem Tod? Eigentlich ist das Grundverhältnis nicht anders als in Deutschland. Es ist schmerzhaft, wenn jemand von uns geht. Es wird geweint und gebetet, wer religiös ist. Es wird geweint, es schmerzt und es wird erinnert. Dennoch wird gerade bei der Beerdigung zum Beispiel viel offener damit umgegangen, es kommen die Kinder dazu. Es ist eine traurige Angelegenheit, aber nicht stumm, still und totgeschwiegen. Als der Vater meines Mannes starb, saßen viele noch bis nachts beim Aufgebahrten, oder am Lagerfeuer draußen. Ja, so war es, vor der Pandemie wurden die Toten noch 24 Stunden aufgebahrt. In einem Bestattungsinstitut oder sogar im Wohnzimmer oder einem geeignetem Zimmer – auf dem Dorf zumindest war es so. Damit alle Abschied nehmen konnten, die es wollten. Das fand ich seltsam, aber irgendwie auch schön. Ich habe meine Oma zum Beispiel nicht mehr gesehen, hätte es aber gern. So sah ich bei der Beerdigung nur einen Kasten aka Sarg vor mir.

Für die Kinder war es, denke ich, etwas erschreckend, aber der Tod ist Teil des Lebens und sollte nicht ausgeschlossen werden. Ja, meine Kinder waren, glaube ich etwas geschädigt. Wir mussten viele Fragen beantworten. Der Älteste möchte seit dem nicht mehr alleine sein. Ob es also etwas Gutes an sich hat, die Kinder damit einzubeziehen, kann man diskutieren. Wahrscheinlich ist es auch immer eine Frage, auf welche Weise man es tut.

Tote besuchen in Mexiko ihre Hinterbliebene, heißt es. So viele Menschen höre ich davon reden, dass sie diese oder jene geliebte Person im Traum oder auch am Tage sieht. Hat Mexiko etwas Magisches oder sind die Menschen hier nur abergläubig? Das sind sie wohl. Überbleibsel indigener Kulturen, Aberglaube, das hört man vor allem noch auf dem Dorf. Ein böses Omen, esoterische Reinigungen. Meine Freundin verdient Geld mit Tarot-Karten-Lesungen und hat einen anderen Job dafür hingeschmissen, weil es so gut läuft. Würde das in Deutschland gehen? Ich glaube nicht. Der Tod ist in Europa etwas Unheilvolles, Aberglaube wird den seltsamen Menschen überlassen. Und doch lebt dieses Magische, Mysteriöse in jedem von uns; sonst hätte Walt Disney nicht so viel Erfolg. Und das schöne an dem Tag der Toten ist, dass unsere lieben Verstorbenen uns besuchen kommen, einmal im Jahr. Und das macht den Abschied nicht so schwer. Das macht den Tod nicht so grauenvoll und endgültig, ob man religiös ist oder nicht. Der Tod wird lebensfroh, wird in Farben getaucht und bunt. Ganz mexikanisch eben.


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