Es ist Montag. 11. Januar 2021. Diese Woche geht es wieder los. Für uns ist es die „Runde 2“ in Bezug auf das Homeschooling für unser Grundschulkind. Daneben haben wir hier noch ein Vorschulkind zu betreuen und unser Kleinster gehört zum Krabbelgruppen-Alter. Alle drei Kinder haben ihre Lehrerin oder Erzieherin. Alle drei Kinder bekommen Hausaufgaben, die vorbereitet, ausgeführt und dokumentiert werden sollen, um sie dann über verschiedene Medien an die Pädagogin weiterzuleiten. Bereits im vergangenen Jahr bin ich teilweise an meine Grenzen gestoßen. Mit meinen Pflichten als Hausfrau, mit meinen Ansprüchen als Deutschlehrerin und natürlich auch als Frau und Mama. Alle Rollen gilt es abzudecken innerhalb von 24 Stunden. Sieben Tage die Woche.
Die Rolle des Bildungssystems in dieser Pandemie wird gerade in den deutschen Medien hart diskutiert. Die Lehrer seien faul, die Politik ziehe die Wirtschaft der Bildung vor, die Kinder verlieren ganze Schuljahre, das System ist veraltet und lückenhaft. Deutschland steht international schlecht da, unmodern, verstaubt. Für alles gibt es einen Schuldigen, keiner fast sich selbst an die eigene Nase. Die Eltern schieben es auf die Lehrer. Die Lehrer auf ihr Gehalt und aufs System. Die Politik zuckt mit den Schultern und schiebt es auf die Wirtschaft, die Kommunikationstechnologie und auf die Bildungsministerien. Und so geht es fort. Und die Schüler? Denen ist es egal und sie schauen weiter auf ihr Handy. Eigeninitiative ist etwas, was die (Nach-)Millennium-Generationen wenig mitbringen. Ist ja auch nicht mehr nötig. Das kleine Smartphone in ihren Händen hat es alles, weiß es alles – was soll man da selber denken!?
Die Tochter meiner Haushaltshilfe dachte jetzt darüber nach, die Schule erstmal sein zu lassen. Lernt ja gerade nichts. Von den Lehrern kommt kaum was. Ihre Angst? Nach der Pandemie nicht mehr mitzukommen? Das weiß ich nicht genau, nach ein paar aufmunternden Worten hatten wir das Thema gewechselt. Trotzdem bleibt es mir im Kopf. Warum wird das Internet als Entschuldigung genutzt, nichts zu tun? Es „funktioniert nicht“, man weiß nicht „wie man damit umgeht“, der Empfang ist schlecht, etc. Warum wird das Internet nicht genutzt, um alles zu tun? Um alles zu wissen, um sich selber etwas beizubringen? Es gibt doch einen Lehrplan. Warum kann man sich nicht selber etwas beibringen? Wo ist die Motivation und die Neugierde, etwas lernen zu wollen? Wo ist der Ehrgeiz, zu wachsen?
Diese Ratlosigkeit betrifft mich. Ich sehe es sogar schon in meinem sechsjährigen Sohn. Die Motivation etwas zu lernen, von dem er nicht erkennen kann, wofür es gut sein soll, ist super niedrig. Lesen macht ihn ein bisschen neugierig, aber das jetzt täglich zu üben, ist lästig. Dank Pandemie zur Grundschullehrerin mutiert, sehe ich in „meinem kleinen Schüler“ diese Lustlosigkeit, die ich in so vielen jungen Leuten bemerke. Wir wissen schon alles, wir haben schon alles. Dank Smartphone und Wohlstand, wozu sich anstrengen? Ich glaube, diese Pandemie zeigt uns Eltern, die wir ein Leben ohne Computer noch kennen, eine unglaublich wichtige Situation auf: Wenn wir den Kindern nicht den Umgang mit den Medien beibringen, werden die Medien die Kinder steuern, nicht umgekehrt. Und für die Zukunft bedeutet es, Erwachsene zu haben, die bestehende Informationen analysieren und verarbeiten, aber nichts neues erschaffen. Wachstum gleich Null.
Zurück zum eigentlichen Punkt. Statt darauf zu schimpfen, dass die Kinder zu wenig Unterrichtsstoff vermitteln bekommen, sollte diese Pandemie eventuell genutzt werden, den Umgang mit den Medien zu lernen. Fernsehen verbieten und bei der Tablet-Nutzung auf die Uhr zu schauen ist nicht der Weg. Die Abhängigkeit ist so oder so da. Ob ein Kind und 30 Minuten oder 3 Stunden vor dem Bildschirm sitzt…. die Frage ist doch, wie können wir diese Abhängigkeit in etwas Gutes ändern. Wie können unsere Kinder auf diese Art etwas lernen und wie können sie lernen, diese geballten Informationsmaschinen für sich zu nutzen?
Ich bin jetzt ziemlich abgeschweift. Philosophisch geworden. Dieses Thema ist nicht mexikanisch oder deutsch. Es geht uns weltweit etwas an. Die Verantwortung ist groß. Sie lässt mich verzweifeln und erdrückt mich manchmal. Hier geht es jetzt wieder los. In die zweite Runde. Der Kampf zwischen Hausaufgaben und Fernsehen. Ich hasse es, dass ich es Kampf nennen muss. Meine Hilflosigkeit als Grundschulpädagogin und Mutter. Meine Verzweiflung, meinem Kind etwas beibringen zu wollen. Aber dafür trägt niemand die Schuld. Der Virus nicht. Die Politik nicht. Die Lehrer nicht. Das System nicht. Es geht hier nicht um Schuld. Es geht hier um die Chance, etwas zu lernen. Wir sollten aus dieser Situation, in der wir sind, wirklich etwas lernen.
Ich werde meine Kinder jetzt gleich wecken. Ferien sind vorbei. Es ist Montag. 11. Januar 2021. Es geht wieder los. Wie werde ich sie motivieren? Wie kann ich ihnen zeigen, wie schön es ist zu lernen und die Welt zu entdecken? Wie zeige ich ihnen, wie wichtig Zahlen und Buchstaben sind? Das weiß ich nicht. Ich nehme diese Pandemie als Chance, es herauszufinden. Eine neue Generation neugierig auf das Leben und das Wachstum zu machen. Und die Medien als Werkzeug zu sehen, das sie genau dies selber erkennen können. Wir gehen zurück auf Los, Runde 2 für das Homeschooling ist eröffnet.
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