Da wir jetzt ein Schulkind im Haus haben, fühlen sich die Winter- oder Weihnachtsferien ganz anders an. Ich freue mich aufrichtig, eine Pause zu haben, von den ganzen Hausaufgaben. Das Homeschooling hat die letzten Monate einiges mit mir gemacht und mich oft an meine Grenzen gebracht (ganz zu schweigen von dem Kind, natürlich!). Aber nun bin ich froh, dass wir in den nächsten Tagen mitsamt den Feiertagen einmal durchatmen können und das Jahr 2020 damit ausklingen lassen.
Gestern war ich unterwegs zu einer Freundin, die ich seit mehr als einem halben Jahr nicht mehr persönlich gesehen habe. Ich wollte dieses Jahr nicht beenden, ohne sie noch einmal zu treffen. Auf meinem Weg zu ihr, war ich so überrascht, wie viele Menschen unterwegs sind! Vor der Einkaufs-Mall war der Parkplatz voll. Beim Großmarkt gab es Autoschlangen und Verkehrschaos. Ich komme aus meiner Quarantäne-Luftblase raus und bin dann doch immer wieder überrascht, dass „draußen“ das Leben ganz normal seinen Gang geht. Großmarkt, ok. Aber Einkaufszentrum? Traurig, dass auch in diesem Jahr die Zacatecaner nicht an sich halten können und ihr „aguinaldo“ (so etwas wie eine Extra-Zahlung am Jahresende, vielleicht wie ein 13. Monatsgehalt zu verstehen) ausgeben. Ich befürchte, dass unsere Infizierten-Zahlen Mitte oder Ende Januar wieder steigen.
Auch in Mexiko-Stadt sieht es gerade nicht so gut aus. Einige Krankenhäuser kommen bereits an ihre Grenzen. Das war im Mai nicht der Fall. Nur weil Jahresende ist, heißt es nicht, dass auch Pandemie-Ende ist. Den Leuten verlangt es nach Familie, nach Zusammensein, nach Heile Welt oder schlichtweg Normalität. Verständlich, aber gefährlich, wo schon über 110 000 Tote in Mexiko zu beklagen sind. Offiziell! Es kommen mir immer wieder Nachrichten ans Ohr, von plötzlich Verstorbenen, die gar nicht auf Corona getestet und schnellstens begraben werden. Die fallen dann natürlich nicht in die Statistik. Erschrocken war ich, als meine Ex-Vermieterin mir erzählte, dass von ihren Nachbarn bereits über 10 Personen verstorben sind. Solche Zahlen schlagen mir schon auf den Magen.

Aber über Corona, wollte ich jetzt eigentlich gar nicht schreiben, sondern über die Freude der Ferien und Weihnachten. Es ist wieder Zeit der tamales und der pozole – Gerichte, bei denen man sich gerne den Gürtel etwas weiterstellen sollte oder besser ganz weglässt. Ich hatte mir mal vorgenommen, tamales selber zu machen. Ich glaube, es war im letzten Jahr. Und immer noch, habe ich es nicht gepackt, in diesem Jahr. Dafür habe ich einen Rotkohl gekauft und möchte in den nächsten Tagen gerne Apfel-Rotkohl machen. Wir haben schon eine kleine Weihnachts-Traditions-Liste abgearbeitet und ich muss sagen, dass ich nach langer Zeit endlich mal wieder so etwas wie Weihnachtsstimmung verspüre. Ganz ohne Weihnachtsmarkt und Innenstadt-Weihnachtsbummel, habe ich die Stimmung durch Lichter und Duft und Dekoration und Lieder zu uns nach Hause geholt. Wir haben gemalt, gebastelt, gebacken und eben habe ich Geschenke eingepackt. Ein paar Kleinigkeiten, damit die Kinder etwas zum Auspacken haben. Ich habe letztens Spielzeug-Inventur gemacht und festgestellt, dass ich wirklich keine Spielzeuge besorgen möchte. Sie haben viel zu viel! Nur etwas, was genutzt wird oder eben was für uns als Familie. Und so bin ich darauf gekommen, dass die Kinder bereits in dem Alter sind, Gesellschaftsspiele zu spielen. Mit „Mensch ärgere dich nicht“ haben wir bereits viel Freude (und auch loteria und escalera y serpiente – mexikanische Spiele eben…), daher habe ich mir in der Richtung was ausgedacht.

Das Wetter ist momentan auch wunderbar weihnachtlich, kühl und mit strahlend blauem Himmel. Wir erwarten die Kaltfront 22, die uns eisige Nächte verschaffen soll. Wir sind mittlerweile gut ausgestattet mit Heizung und Decken und Kleidung, so dass ich auch hier, das erste Mal seit Jahren, den Winter nicht sonderlich fürchte. Anderen Menschen geht es da natürlich ganz anders und daher bleibt für mich nur die Möglichkeit, Bedürftigen Geld zu geben oder den vielen Menschen, die (vorwiegend) Essen oder Dinge auf der Straße verkaufen oder von Haus zu Haus gehen, etwas abzunehmen. Ein Gefühl der Ohnmacht bleibt. Es gab Überschwemmungen vor einem Monat und auch in Chihuahua hat es wohl schon geschneit. Die Kälte setzt vielen Menschen zu. Da ist es natürlich verständlich, dass alle gerne zusammenrücken möchten, in diesen Tagen. Schwierig, wenn die Familienfeste und Posadas (Weihnachtsfeiern) verboten sind. Auch „acostar“ oder „levantar“ des Christkindes, also das hinlegen und hochnehmen des Christkindes in und aus der Krippe, was hier oft im größeren Kreise mit Essen und Gebeten und Gesang zelebriert wird, muss leider ausfallen. Offiziell natürlich, wird die Bevölkerung gebeten von diesen traditionellen Zusammenkünften Abstand zu nehmen. Wir können nur hoffen, dass die Menschen dies befolgen.

Was kann ich noch sagen? Auch in diesem Jahr, werden wir in den Weihnachtsferien nicht wegfahren. Ein Jahr ist vergangen, und einmal mehr habe ich weder die Reise nach Deutschland machen können, noch hatte ich die Chance, etwas mehr von Mexiko zu entdecken. Es bleibt die stille Hoffnung fürs nächste Jahr. Ich wünsche allen meinen treuen Lesern ein fröhliches Weihnachtsfest und ein wunderschönes Silvester. Denkt nicht traurig, an all das, was es dieses Jahr nicht gibt, sondern daran, was wir von diesem Jahr lernen konnten, dass wir dankbar sein dürfen, für das, was wir haben. Liebe Grüße sende ich ihn die Welt!
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