250 Tage Slowdown

Heute ist es also so eine glatte Zahl. 250 Tage. Aufstehen, wann wir wollen. Ins Bett gehen, wann wir wollen. Essen selber kochen, kein Restaurant, ab und an mal was bestellen, aber mit ungutem Gefühl. Draußen geht alles scheinbar normal weiter, und eben doch nicht. Die meisten Menschen laufen mit Maske rum. In den Supermarkt kommt nur eine Person pro Familie herein. Manche sind so gewieft und gehen getrennt, um sich dann an der Kasse wieder zu sehen. Gewieft oder dumm? Ignorant oder vertrauensvoll, dass alles doch nur Panikmache ist?

Gestern waren es 256 neue Infizierte. 13 Tote. Im ganzen Staat Zacatecas, der ungefähr die Größe von Niedersachsen in Deutschland hat. Das klingt wenig. Aber alles ist ja doch nur in Relation zu setzen. Lange Zeit hatten wir immer nur 30 oder 40 neue Fälle. Das ist also ein Anstieg um, ja um wieviel eigentlich? Meine Denkfähigkeit lässt nach, nach 8 Monaten im Haus. Also, wie viel? Ungefähr fünfmal so viel. Das ist einiges. Das Verhältnis ist es. Zu Land und zu Leuten. Zacatecas hat nicht so viele Einwohner. Die Hauptstadt, in der wir wohnen, gerade mal 200 000 Menschen. Für Mexiko ist das ein Dorf und anfangs haben sich viele auch so verhalten. Sie haben dem Tratsch nicht geglaubt. Ist ja nur Tratsch! Ein tödlicher Virus? Ach, Quatsch. Jetzt kennt jeder mindestens eine Person, die sich bereits angesteckt hat. Oder sogar gestorben ist. Zwei meiner Freundinnen hatten schon Covid-19, mitsamt ihrer Familien. Eine Nachbarin ist verstorben. Unser Automechaniker fährt nebenberuflich Krankenwagen. Er hat sich auch schon infiziert. Hatte gar keine Symptome.

Wie viele Menschen laufen auf den Straßen rum – ohne Symptome? Hatten Kopfschmerzen, oder Müdigkeit und dachten sich nichts weiter dabei? Wie oft hatte ich schon Kopfschmerzen in diesen Monaten? Erst vor zwei Tagen fühlte ich mich kurz erkältet. Mein Mann lag auch mal kurz auf dem Sofa, völlig erschöpft. Haben wir es? Jeder zuckt doch kurz zusammen, wenn man irgendein Symptom hat. Am Ende ist es dann hoffentlich kein Corona, denn so wirklich wissen, was dann mit dem eigenen Körper geschieht, was sich vielleicht an einer Vorkrankheit in einem noch versteckt hält, so wirklich wissen, tut es keiner.

Hier in Zacatecas gibt es von den extrem Vorsichtigen, die Mundschutz und Visier tragen und ihr Geld und ihre Einkäufe desinfizieren, bis hin zu den „Ist ja nur eine Grippe“-Anhängern, alles. So, wie wohl überall auf der Welt. Wir haben nur wenige Einschränkungen hier in Mexiko, weil es sich der größte Teil der Bevölkerung schlichtweg nicht leisten kann, nicht zu arbeiten. Hier gibt es nur eine begrenzte soziale Absicherung; viele leben von der Hand in den Mund. Die begrenzte Einschränkung stößt bei vielen Regierungskritikern und Journalisten auf Unverständnis. Sie reden von falschem Vorgehen und Fehlentscheidungen. Doch, Ausgangssperren zu verhängen, wenn einige Haushalte nur davon leben, was sie auf der Straße oder dem Markt verkaufe? Das ist ethisch schwierig. Also wird die Verantwortung zu großen Teilen in die Hände der Bevölkerung gelegt. Jeder soll selber auf sich Achtgeben und entscheiden, wie viel Risiko er eingehen will oder kann.

Wir sind prädestiniert. Wir können zuhause bleiben. Von zuhause aus arbeiten. Haben trotzdem ein Einkommen. Wir sind zu fünft. Wir haben immer was zu tun. Wir genießen das Familien-Sein, bis es dem einen oder anderem mal zu viel wird. Jeder von uns hatte hier schon seine fünf Minuten. Oder halbe Stunde…. wo er einfach ausgeflippt ist. Das ist unter diesen Umständen wohl nicht ungewöhnlich. Irgendwann renkt es sich dann wieder ein. Und so machen wir also weiter. Tag ein und Tag aus. bis zum Ende des Jahres. Bis zum nächsten Sommer. Ohne Ende in Sicht. Daran denken wir einfach nicht. Wir arbeiten, lernen, verbringen Zeit miteinander. Wir stehen nicht still. Wir leben unser Leben. Nur halt hier zuhause. Im Slowdown – wie seit 250 Tagen.


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