Gedanken zu: Meiner Auswanderung

Vor sechs Jahren bin ich nach Mexiko ausgewandert. Offiziell im Mai 2014, aber für mich erst im August desselben Jahres. Für die Hochzeit meines Bruders war ich noch einmal für drei Wochen nach Deutschland zurück geflogen. Nach meiner Rückkehr fing das Leben hier in Mexiko dann so richtig an. Wir hatten eine Wohnung gemietet und ich begann zu studieren. Wie fühlt es sich nun also an, auszuwandern? Bin ich angekommen nach 6 Jahren? Integriert? Habe ich Heimweh? Oder bereue ich sogar meine Entscheidung? Lies jetzt meine Gedanken dazu.

Integration bedeutet Eingliederung in ein größeres Ganzes. Für einen Migranten in einem ihm fremden Land bedeutet das, Eingliederung in sein neues soziales Umfeld. Wann ist man denn eingegliedert? Wenn man sich auskennt? Wenn man jemanden oder viele persönlich kennt? Hat es etwas mit einem Zeitraum zu tun? Beim deutschen Bundesministerium des Inneren lese ich auch, das Integration die Entwicklung eines Verständnisses für die jeweilige Gesellschaft ist. Die Teilnahme am wirtschaftlichen und kulturellen Leben. Damit kommt sicherlich auch ein zeitlicher Aspekt. Demnach nach sechs Monaten integriert zu sein, in einer anderen Kultur, stelle ich mir schwierig vor. Man hat sich daran gewöhnt und kennt vieles gut, aber so richtig integriert?

Integration ist ein Prozess und ich behaupte, es ist ein Prozess, der niemals endet. Als Deutsche in Mexiko werde ich niemals zu 100% integriert sein. Ich werde immer die Ausländerin bleiben. Wenigstens einmal in der Woche werde ich auf meine Herkunft angesprochen. Dies resultiert mehr aus meinem Aussehen als aus meiner spanischen Aussprache. Denn einmal wurde ich nach Minuten der Konversation gefragt, ob ich überhaupt aus Zacatecas käme. Auch ich merke, dass meine Aussprache nicht so übel ist. Bin ich also angekommen? Ich mag das Essen, meine Nachbarn grüßen mich, ich kenne die mexikanischen Feiertage, ich weiß in den meisten Situationen, wie man sich respektvoll und höflich verhält. Ich kann „mexikanisch“ Tanzen und kenne auch einige Lieder. Ich weiß, was man beim Geburtstagskuchen singt und wie eine Hochzeitsfeier abläuft. Ich fluche auf Spanisch und nehme es nicht so mit der Pünktlichkeit. Das klingt doch alles nach fetten Pluspunkten für die Integration. Und wie ist es mit dem Gefühl?

Ich fühle mich wohl. Das ist schon mal gut. Und manchmal fühle ich mich fremd. Die paar Male, die ich nun in Deutschland „zurück“ war in den letzten sechs Jahren. Da fühlte ich mich auch etwas fremd. Vielleicht war es auch einfach ungewohnt. Ist schon möglich. Zumindest kann ich mich auf Deutsch immer noch besser ausdrücken. Ich werde dort auf der Straße ignoriert, statt angestarrt wie hier in Zacatecas.

Nun, eine hundertprozentige Integration gibt es eben meiner Meinung nach nicht. Auch mein Mann sagt, dass mich manche Menschen in einem tiefgehenden Gespräch, das über einen Small-Talk hinausgeht, einfach nicht verstehen. Weil ich mich nicht ausdrücken kann? Oder weil ich anders bin? Wir sind hier in einer sehr ländlichen Gegend. Viele Menschen sind eher anders gestrickt als ich. Ich bin oft das glatte Gegenteil von ihnen. Schon deshalb ecke ich manchmal an. Deshalb läuft es nicht so rund mit den Bekanntschaften. Ich tue mich sehr schwer damit, Freunde zu finden. Ich bin keine Glucke. Kann es einfach nicht sein. Brauche meinen Raum. Meine Kinder erziehe ich schon deshalb zur Selbstständigkeit. Ich sage meine Meinung und fordere Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern , Fairness und Ehrlichkeit im Umgang miteinander. Muttersein ist eine Etappe in meinem Leben, nicht mein Ein und Alles.

Manchmal erlebe ich es hier, dass Mütter ihre Kinder in Abhängigkeit von ihnen leben lassen. Lange. Sie verwöhnen ist eines, ihnen nicht zu helfen, ihr Leben in die Hand zu nehmen ein anderes. Für beide Seiten ist es meiner Ansicht nach nicht gut. Die Kinder brauchen lange ihren Weg zu finden. Die Eltern sind ratlos, verlassen die Kinder das Haus. Wissen nichts mit sich anzufangen. Aufopferung bis zur Selbstaufgabe ist traurig, wenn die Kinder die Eltern später dann mit den Füßen treten, wo sie doch so viel für sie getan hatten.

Ich kenne das Gefühl von Fremdsein. Von Diskriminierung. Von ausgeschlossen Sein. In einer Situation etwas falsch zu machen und sich kulturell offensichtlich als Ausländer zu verhalten. Kenne ich alles. Bin ich gewesen und sicherlich wird es auch wieder passieren, in der Zukunft. Es ist anstrengend, wenn man sich außerhalb seines Hauses manchmal verstellen muss. Aber hat es wirklich was mit Integration zu tun? Ich stelle mir vor, dass ich auch in Deutschland die ein oder andere Situation so oder so ähnlich erleben würde. Auch da muss man sich öfter in einem neuen Umfeld anpassen. Als Journalistin habe ich das gut erlebt. Auf einer Pressekonferenz der Regierung agiert man anders, als bei Schulfest der Dorfgrundschule.

Also hat es doch auch viel mit Anpassung und Einfühlen zu tun. Umso mehr man sich anpassen kann, desto eher integriert man sich im Ausland. Die Frage bleibt bei der Auswanderung: Wie viel möchtest du dich anpassen und wie viel möchtest du von deinem Original behalten? Am einfachsten ist es wohl, wenn das Original dem angepassten Status entspricht. Ich war in Deutschland auch nicht die Pünktlichste. Ich mag das Chaos und Unkorrekte hier und das immer irgendwas noch geht. Dieses wieder grade biegen, das Schummeln, das eine Auge zudrücken. Manchmal nervt es, aber wie oft hat es mir schon geholfen!

Heimweh? Habe ich auch immer mal. Natürlich. Auch mit dem Gedanken, meine Sachen zu packen und nach Deutschland zurückzugehen habe ich schon gespielt. Das dauerte einen Moment. Dann habe ich innegehalten. Abgewogen und gedacht: Nee. Dann doch lieber hier. Das Leben ist nirgends einfach. Auswandern ist nicht einfach. Viele Menschen wollen ihr Heimatland verlassen, weil sie ein besseres Leben haben wollen. Das Leben in Deutschland ist definitiv eines der besten! Niemand der gesund ist, eine Ausbildung und einen Job hat (egal, welchen Job) kann mir erzählen, dass er auf ein besseres Leben, in einem anderen Land hofft. Selbst wenn ich keinen Job habe, geht es mir in Deutschland sehr viel besser. Selbst, wenn ich krank bin, geht es mir in Deutschland besser. Das liegt am System. Das Wirtschaftliche ist also nicht das Problem. Wohl eher das kulturelle.

Auswandern ist etwas Höchstpersönliches. Jeder reagiert da anders. Für jeden sind andere Dinge wichtig. Meine Auswanderung ist wohl ganz gut gelaufen. Die Probleme, die sich mir stellen, hätte ich so oder so ähnlich wahrscheinlich auch in Deutschland oder anderen Teilen der Welt aufgetan. Für mich persönlich war und ist es eine gute Entscheidung gewesen, nach Mexiko zu kommen. Es hat mein Leben und meine Einstellung zum Leben verändert. Es hat mich verändert – und das ist wunderschön.


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