Wirklich? Gewöhnungsbedürftiges Mexiko – #4 Usted

Willkommen zurück und schön, dass Sie wieder einmal vorbeischauen. Heute also Teil 4 der Mini-Serie über „mein Mexiko“ – über Dinge, an die ich mich gewöhnen musste oder es sogar nach über 5 Jahren nicht getan habe.

Wissen Sie was? Fällt Ihnen etwas auf? Richtig. Gesiezt. Was für Geschäftsbeziehungen und Menschen, die sich nicht kennen in Deutschland gilt, ist hier Alltag! Aber bis zum seltsamen Alltag. Sie bedeutet im Spanischen Usted oder in seinem Plural Ustedes und wird im Satz ebenfalls wie im Deutschen groß geschrieben. Die Mexikaner haben so viel Respekt voreinander, dass sich zu siezen völlig normal ist und bei Unsicherheit der gesellschaftlichen Stellung immer die erste Wahl sein sollte. Für mich als jemand, der es mit Hierarchien und Autorität nicht so hat, kostet es immer noch Überwindung und immer noch finde ich es manchmal absurd.

  • Ich sieze meine Schwiegermutter.
  • Mein Mann siezt seine Großeltern und seinen jüngeren Bruder (!), nicht aber seine Mutter. Sein Bruder siezt ihn übrigens nicht – ich auch nicht.
  • Meine Nachhilfeschülerin siezt mich und ließ sich auf mehrere Hinweise in den ersten anderthalb Jahren auch nicht davon abbringen.
  • Der Meister, der momentan unsere Bauarbeiten im Haus macht, nennt mich Doña [donja], was eine Respektsanrede für Senioren/Großmütter oder so ist. (Wer erinnert sich an Don Corleone aus der Pate!?) Ich dachte ich höre nicht richtig. Aber nun verstehe ich, dass es schlichtweg großer Respekt seinerseits und auch gegenüber seinem Arbeitgeber ist. Mein Mann ist natürlich Don Leo.
  • Die Mütter der Kita-Gruppen siezen sich untereinander, obwohl sie sich mit dem Vornamen anreden.

Das Schöne am Spanischen ist, dass du den Namen durch ein señor, señora, señorita, don oder doña ersetzen kannst. Oder mit dem Titel: profe, maestro/a, licenciado/a (in etwa: Studierter/Akademiker), doctor/a, director/a, etc. Das kennen wir auch aus dem Englischen.

Voraussetzung dafür ist selbstverständlich, dass man den Titel weiß. Wehe wenn nicht. Ich lag mal in den Wehen und es waren so viele Krankenschwester und Ärzte im Krankensaal, dass ich die Ärztin nicht identifizieren konnte (sie hatte OP-Kleidung, keinen weissen Kittel an). Ich sagte „Gracias, señora.“ auf etwas was sie sagte und sie korrigierte mich. „… y no es señora, es doctora.“ – „.. und es heißt nicht Frau, sondern Doktorin.“ Das war für die Situation schon etwas kleinlich, aber zeigt es doch deutlich, wie wichtig respektvoller und korrekter Umgang mit dem Titel ist.

Im Deutschen existiert diese Form fast nicht. Entweder du siezt oder nicht. Wir kennen das höchstens von Frau Bundeskanzlerin oder Herr Minister. Aber Herr Lehrer klingt altbacken. „Ja, Herr Professor.“ lässt mich schmunzeln. Von daher sind wir wohl weniger formal und steif, als wir manchmal denken.

Wenn sich jemand vorstellt bekommt man übrigens seinen gesamten Titel plus Vornamen plus Nachnamen gesagt. Die habe ich nach 0,5 Sekunden wieder vergessen. Ist mir einfach zu viel. Ein einfaches „Schmidt, angenehm.“ wäre mir da manchmal lieber…

PS: Wenn es die Familie ist oder du jemanden sehr viel näher kennst, gibt es ein Küsschen auf die Wange und eine Umarmung!! Meistens Handschlag, Küsschen, halb umarmt. Das ist aber auch bei jedem anders. Oft will der nur Küsschen und keinen Handschlag und dann steh ich da wie doof. Dann umarme ich denjenigen feste und schenke ihm ein offenes Lächeln und hoffe, dass mein Ausländer-Joker gilt – „Die weiß es halt nicht besser.“ – alles mit einem Augenzwinkern, bitte.


Fotocredits: pexels.com


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