Seit dem 1. Dezember hat Mexiko einen neuen Präsidenten, der selber davon redet, dass durch ihn und seine Gefolgsleute die 4. Verwandlung Mexikos begonnen hat. Er möchte Mexiko rausholen aus seinem Loch, in das es langsam gewandert ist in den vergangen 50 Jahren. Vor zirka 30 Jahren gestolpert und von da an, eigentlich nur noch gefallen.
Ich lebe seit fast fünf Jahren in Mexiko und muss sagen, dass ich, obwohl ich vorher nicht viel davon wusste, selber gespürt habe, wie es sich an allen Ecken zuspitzt. Auch das Volk unruhiger wird und ich persönlich hatte damit gerechnet, dass Mexiko nur mit viel Blutvergießen aus dieser Situation raus kann.
Dieser neue Präsident Andrés Manuel López Obrador (kurz AMLO), sieht das allerdings ganz anders. Auf dem Wege Gandhis möchte er den Frieden für Mexiko nicht durch Gewalt erzwingen, sondern durch Logik, Durchhaltevermögen, Legalität, soll heißen Erfüllung und Verfolgung der Gesetze.

Korruption war bisher zum Beispiel kein schweres Delikt. Mal davon abgesehen, dass es eh nicht verfolgt wurde. Das ändert sich nun! Wie so viele andere Sachverhalte.
Jeden Morgen um 7 Uhr gibt AMLO eine Pressekonferenz. Die dauert mal eine halbe Stunde manchmal 90 Minuten. Da gibt er praktisch jeden Morgen eine Regierungserklärung ab. Was geplant ist, was es Neues gibt und lässt so alle daran teilhaben, wie es voran geht. Was schafft das? Hoffnung. Authentizität. Mich persönlich beeindruckt das enorm. Und auch ich habe die Hoffnung, dass wirklich mal was getan wird. Mexiko hat so viel zu bieten. Es ist überhaupt kein armes Land. Und doch gibt es Unterdrückung und Armut in jedem Winkel seines Territoriums.
„Was in der Vergangenheit war, interessiert nicht. Was ab heute passiert, zählt. Und wir alle werden uns benehmen, wir alle werden richtig handeln, um unser geliebtes Mexiko voran zubringen.“
Aus meinem Gedächtnis, aus seiner Antrittsrede von Andrés Manuel López Obrador
Das Foto hatte ich von ihm gemacht, als gerade eine Rede live übertragen wurde. Der Präsident war im Norden des Landes, Tamaulipas. Was mir besonders im Gedächtnis geblieben ist, dass er erzählte, dass er auf seiner Wahlkampf-Reise vor einem halben Jahr, in dem selben Ort vorbeigekommen sei. Und gerade an einem großen Werk vorbeikam, wo Schichtwechsel war und er eine Arbeiterin gefragt habe, was sie verdiene. „900 Pesos“, hätte sie geantwortet. 900 Pesos pro Woche (45 Euro). Sie arbeite vier Tage die Woche, 12 Stunden am Tag, von 7 Uhr morgens bis 7 Uhr abends. Bekommt also 120 Pesos (6 Euro) am Tag.
In der Live-Schaltung macht AMLO eine kleine Pause, um das wirken zu lassen und wiederholt „120 Pesos am Tag, wie kann ich davon eine Familie ernähren?“. 3600 Pesos im Monat, selbst hier ist das unglaublich wenig. AMLO führte als erstes ein Grundgehalt ein – 102,68 Pesos (5 Euro) – wohgemerkt am Tag! Für 5 Euro als Stundenlohn würde eine Studentin in Deutschland wahrscheinlich heutzutage nicht einmal mehr Kellnern gehen.. – aber darum geht es nicht. Es geht darum, dass es vorher bei 86 Pesos oder so lag, ich weiß es nicht genau und es wirklich nötig war, das Grundgehalt zu erhöhen.
Wir haben hier in Zacatecas eine Firma, die Automobilzulieferer für Nissan ist. Da verdienen die Leute am Band 1200 Pesos pro Woche. Schichtdienst, 6 Tage die Woche arbeiten. Das sind 60 Euro. Kann sich das jemand vorstellen? Ich mittlerer Weile schon und ich kenne auch Familien, die sich davon ernähren können. Haben sie eine Wahl? Wer jetzt die Rechnung macht, stehen diese Menschen theoretisch sogar noch über dem Grundgehalt, aber da kommen natürlich noch jede Menge andere Bedingungen mit rein.
Der Punkt ist doch, dass hier die Hoffnung große Wellen schlägt. Momentan gibt es arge Probleme mit der Benzin-Versorgung im Land. Vor AMLO gab es „dank“ Korruption Banden, die mit Wissen der Verantwortlichen der Ölindustrie, illegal Öl bzw. Benzin abzapften. Da diese Verantwortlichen jetzt beobachtet werden, wird das Abzapfen nicht mehr kontrolliert, so könnte man es ausdrücken. Durch das illegale Abzapfen gibt es einen Druck-Verschiebung, der die Ventile automatisch schließt, was im Notfall, bei einem Leck halt geschieht. Zuvor wurde das wahrscheinlich manuell dann wieder zugelassen, um das illegale Abzapfen und den Raub von an die 1000 LKWs mit Benzin täglich zu gewährleisten.
Das geht nun nicht mehr, alles liegt brach, bis der Fehler gefunden wird. Dieser Stopp hat momentan zur Folge, dass viele Staaten derzeit ohne Benzin sind, weil sie erstmal das „Loch“ finden müssen. Das Militär schützt derzeit die Raffinerien und so gut es geht die Pipelines. Viele Menschen, Politiker und wer weiß, wer noch, sind natürlich ungehalten.
Aber AMLO bleibt ruhig. Es war klar, dass das nicht leicht wird. Die nächsten Jahre wird; es immer wieder Situationen gibt, die mehr als unangenehm sind und Einschnitte für uns alle bedeuten. Wichtig ist, dass alle, besonders die 30 Millionen Mexikaner (gut ein Drittel der Bevölkerung), die ihren Präsidenten wählten, Vertrauen haben und Durchhaltevermögen.
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