Wenn jemand aus Deutschland zu Besuch ist, ist das immer sehr aufregend für die Kinder. Mehr noch, wenn es die Großeltern sind. Oma war ja nun schon sehr oft da. Aber Opa das erste Mal hier in Mexiko, dass war schon ein Highlight. Zudem war es seltsam, dass beide am Abend immer wieder verschwanden, weil sie ein Appartement im historischen Zentrum gemietet hatten.
Was mir jedoch jedes Mal auffällt, wenn wir deutschen Besuch haben, oder auch als wir in Deutschland waren, dass die Kinder sich rasend schnell an die Sprache gewöhnen und wirklich versuchen Deutsch zu sprechen. Das erscheint mir unglaublich faszinierend. Zumal ich zuhause immer noch nicht strikt bin, was das Deutschsprechen angeht. Schande über mein Haupt. Vorsatz nicht erst fürs neue Jahr, sondern ab heute: Deutsch sprechen!
DIE HOCHZEIT
Der Grund für meine Eltern nach Zacatecas zu kommen, war unser Leben kennen zulernen (was meinen Vater angeht), allerdings auch um bei meiner Hochzeit dabei zu sein. Das Fest und seine Vorbereitungen haben beide Kinder völlig unterschiedlich erlebt. Ich habe zirka drei Monate vorher angefangen, die Hochzeit zu planen und zu gestalten. Ich war zwischenzeitlich mal gestresst und etwas panisch, dass ich einiges nicht schaffe, bin allerdings nachmittags mit den Kindern nie durch das Zentrum oder sonst wo lang gehetzt, um irgendwelche Dinge von meiner Liste abzuhaken. Warum erzähle ich das? Weil ich verdeutlichen will, dass ich nach Möglichkeit versucht habe, dass für die Kinder alles „normal“ ist. Dann kamen meine Eltern Ende September. Gut, nach einer Woche hatten sich die Kinder dran gewöhnt. Dann kamen eine Woche vor der Hochzeit weitere Gäste. Es würde beschäftigter, die Kinder wussten, dass was passiert. Ich habe es immer wieder gesagt: „Wir werden ein Fest haben. Mama und Papa haben sich so lieb, dass sie heiraten werden. Deshalb machen wir eine große Feier und laden viele Menschen ein.“

Schon vor der Hochzeit hat sich Nahuel seltsam verhalten. Nachts ist er oft schreiend (!) aufgewacht. Hat ins Bett gemacht, hat bei uns geschlafen. Er redete dauernd von einem Wolf der kommt. Es gibt ein Kinderlied/-spiel, muss ich dazu sagen, das von einem Wolf handelt. Die Kinder rufen: „Lobo, lobo estas ahí?“ – „Wolf, Wolf, bist du da?“ Und dann antwortet der Wolf und dann fragen die Kinder und dann antwortet der Wolf und irgendwann läuft er und fängt die Kinder. Außerdem gibt es auch noch das Märchen, mit den drei Schweinchen und dem Wolf, was die Kinder auch in der Kita behandeln.
Nun gut, Kind hat also Angst vorm Wolf. Daneben hatte mir eine Erzieherin von Nahuel gesagt, dass er nicht mehr mitmacht. Sechs Wochen zuvor hatte sie mir noch erzählt, wie schön er immer mitmacht und alles weiß. Ein fröhliches Kind. Jetzt sagt sie mir, dass er nicht mehr malen will und nicht mehr mitmacht. Das hat mich dann doch irgendwie sehr stutzig gemacht. Habe versucht mit ihm zu reden, mit ihm zu kuscheln, mir Zeit zu nehmen und gehofft, dass es nur eine Phase ist.
Am Tag der Hochzeit war Nahuel sehr quengelig und wollte permanent auf den Arm.

Damit sah die Trauung ungefähr so aus: Kind auf dem Arm, den anderen am Rockzipfel. Ich konnte es einfach nicht ändern. Wir konnten Nahuel nicht beruhigen. Zwischen 21 und 23 Uhr hatte er zum Glück geschlafen, aber den Rest der Feier hatte ich ihn dann in einem Dämmerzustand auf dem Arm. So ist das eben, wenn man mit Kindern heiratet. Sie sind Teil der Familie und ich habe tief durchgeatmet und mich an mein Kind gekuschelt ohne zu Grollen, dass ich meine Hochzeit nicht voll genießen und feiern kann.
Im Nachhinein habe ich einen Podcast gehört, habe etwas gelesen und den Verdacht bekommen, obwohl Nahuel noch sehr jung ist (keine 3 Jahre alt), dass dieses Kind hoch-sensibel ist. Hochsensibilität ist nichts schlimmes und schon gar keine Krankheit. 20% unserer Weltbevölkerung ist hoch-sensibel. Diese Menschen nehmen ihre Umgebung viel feiner auf. Bei manchen sind alle Sinne extrem ausgeprägt, bei anderen nur ein paar. Das kann unterschiedlich sein.
Ich habe mir über Nahuel ein paar Gedanken gemacht. Sein kurzes Leben Revue passieren lassen. Seit er ein Baby ist, stufen wir ihn als vorsichtig, unsicher und scheu ein. Aber wenn ich ihn hier zuhause oder mit Menschen, die er kennt sehe, sind das überhaupt keine Adjektive, die ich für ihn benutzen würde. Nicht jeder hoch-sensibel Mensch ist gleichzeitig schüchtern.
Ich behaupte also, auch wenn er noch sehr jung ist, und man es noch nicht 100%ig sagen kann, dass er hoch-sensibel ist. Er mag keine laute Musik, weil er Geräusche mehr aufnimmt; er mag keine Menschenansammlungen, weil es einfach zu viel ist. In der Kita haben sie mir mal gesagt, dass er nicht gerne tanzt. Was seltsam war, weil er zuhause wie wild dabei ist. Ich tippte damals schon, auf die Gruppendynamik, die ihm nicht gefällt.
Er nimmt Stimmungen extrem auf: Wenn ich traurig bin, nimmt er mein Gesicht zwischen die Hände, schaut mir tief in die Augen und sagt „ich hab dich sehr lieb“. Er beobachtet sehr viel, aus der Ferne und nähert sich nur langsam unbekannten Situationen. Er spürt Aggression und kann schwer damit umgehen. Aufgrund dieser Charakterzüge ist er gerne zuhause, ein Ort den er kennt. Er spielt gern alleine. Er findet Musik immer besser, mit vielen Instrumenten, aber nicht zu laut.
Ich werde das weiterhin beobachten und sehen, ob es sich im Laufe der Jahre bestätigt oder ob er einfach wirklich „nur“ ein sensibles und vorsichtiges Kind ist.
PS: Tanok ist das Gegenteil – er war der „King“ auf der Hochzeitsfeier. Ich habe ihn kaum gesehen. Er geht auf jeden zu, ist extrem sozial, knüpft schnell Kontakt etc. Klar, wenn ihm zu viele große Kinder auf der Hüpfburg sind, dann will er auch nicht rauf, aber das stufe ich als völlig seinem Alter entsprechend ein.
PPS: Nach der Hochzeit haben wir lange gebraucht, um wieder in unseren Alltag zu finden. Nahuel beteiligt sich übrigens wieder ganz normal am Unterricht in der Kita…
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