15 Jahre alt zu werden, war zu meiner Zeit eher frustrierend als schön. Vielleicht ist das heute immer noch so. Mitten in der Pubertät. Noch keine 16, noch kein Ausweis, kein Bier, (heutzutage sogar noch kein Führerschein). Kurz nach der Kommunion, Konfirmation oder Weihe. Ein nichtssagendes Alter. Die meisten kommen in die 10. Klasse. Ein Abschlussjahr, aber abschließen wird man die Schule doch erst mit 16. Von daher, ein langweiliges Jahr. Nicht so in Mexiko. Die 15 Jahre bedeuten hier einiges und vor allem, vor allem bei Mädchen. Der 15. Geburtstag eines Mädchens wird hier so riesig gefeiert wie die eigene Hochzeit. Daher liest man auch öfter Zeitungsartikel mit dem Titel: „Die Hochzeit ohne Bräutigam“ oder ähnliches. Und in der Tat schockiert einiges an dieser Tradition, für mich als aufgeklärte Halb-Feministin.
Eine nicht ganz zeitgemäße Tradition
Sein Debüt geben. Das war früher die Tradition in Adelshäusern. 15-jährige, dann schon junge Frauen, wurden dem König vorgestellt, auf ihrem ersten Ball, und galten von da an auch als heiratsfähig. Es war also ein anpreisen seiner Tochter, damit die endlich das Haus verlässt und einem nicht mehr zur Last geht. So meine etwas ruppige Übersetzung. 1958 hat Königin Elisabeth II. von Großbritannien diese Tradition als beendet erklärt, weil es nicht mehr zeitgemäß sei! Die Gute. Die hat Ahnung. Aber nun, hier in Mexiko wird der 15. Geburtstag immer noch groß gefeiert. Ohne König und Ball. Dafür mit Pauken und Trompeten. Da werden halbe oder auch mal ganze Jahresgehälter ausgegeben, um seiner Tochter eine Feier vom Feinsten zu geben.
Prinzessin in weiß
Bei meiner ersten Quinceañera – wie der 15. Geburtstag und somit auch das weibliche Geburtstagskind – heißt, war ich wirklich baff. In einem riesigem elegantem Veranstaltungsraum für über 300 (!!!) Personen empfing uns die Prinzessin im weißen Tüll-Glitzer-Kleid. Sehr gut erzogen und vornehm hieß sie uns willkommen und organisierte uns einen Platz, in den hintersten Reihen, weil der Saal aus allen Nähten platzte. Vorbei gingen wir am Süßigkeiten-Tisch und wo die Torte (die sehr an eine Hochzeitstorte erinnerte) schon auf die Gäste wartete. Vorbei an den zwei Sängern, die einträchtig mexikanische Klassiker sangen (die 12-köpfige Band folgte nach dem Essen).

Es gab Tischdecken und Kellner. Es gab kein Plastikgeschirr, sondern Porzellan und Besteck. Es gab Gastgeschenke, kleine Armbänder für die Frauen. Es ist der Wahnsinn. Sollte ich jemals in meinem Leben eine Tochter bekommen, werde ich ihr sogar ein T-Shirt drucken, auf dem eindeutig klar wird, dass sie niemals von mir so eine Feier bezahlt bekommt. Meine eigene Hochzeit wird wahrscheinlich simpler als das. Ich kann immer noch nur den Kopf schütteln. Und doch scheint es weit verbreitet und gewollt zu sein, von den jungen Frauen, einmal in ihrem Leben im Mittelpunkt und Prinzessin zu sein – bis zu der eigenen Hochzeit, die wahrscheinlich innerhalb der folgenden 10 Jahre stattfindet.

Die Feier war schön. Wir haben gelacht und getanzt und selbst die Kinder hatten riesen Spaß. Das Bier ging aus, die Cola ging aus, der Tequila floss, die Musik war laut und rhythmisch. Klar, es war eine wunderbare Feier, aber der Grund will sich mir einfach nicht erschließen. Ich nehme es als mexikanische Tradition und bin gerne auch in Zukunft dabei. Man darf im Ausland lebend einfach nicht dauernd die Kritikerbrille tragen; muss lernen sie abzunehmen und sich dann einfach in den Tanzkreis einreihen und zu cumbia tanzen.
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