Wie ist das nun – Wohnen in Zacatecas?

Hier kommt der philosophische Teil des Themas „Wohnen in Zacatecas“. Im vorangehenden Beitrag bearbeitete ich diese Fragestellung rein infrastrukturell. Heute möchte ich mich der philosophischen Seite dieses Gedankens zuwenden. – Achtung, es wird lang –

Die Ur-Frage der Instagram-Challenge war: Wie ist das so, Wohnen im Ausland? Ich habe es etwas persönlicher gemacht und abgewandelt: Was bedeutet es, in Zacatecas zu wohnen?

2018-05-09 17.37.50
Es ist selbstverständlich eine Bereicherung für mein Leben. Ich habe 29 Jahre in Deutschland gelebt, bevor ich nach Mexiko gegangen bin. Es war das erste Mal in diesem Land, es war das erste Mal für lange Zeit im Ausland. Es war das erste Mal auf einem anderen Kontinent, ergo für mich ein komplett anderer Kulturkreis. Theoretisch. Im Praktischen kommt man sehr gut in Mexiko zurecht, als Deutscher. Man darf sich nur nicht so anstellen. Aber das wusste ich damals ja nicht.
Wenn ich nun nach den knapp 30 Jahren Deutschland, die nächsten 30 Jahre (es sind jetzt nur noch 26, weil ich schon vier Jahre hier wohne) in Mexiko lebe, ist das doch ganz nett. So Rückblickend, auf dem Sterbebett liegend. Ich glaube aber ehrlich gesagt nicht, dass ich danach nochmal woanders leben werde, aber ich versuche hier ja nur etwas zu veranschaulichen.

Mexiko war niemals mein Wahl-Land zum Auswandern, ganz zu schweigen davon, dass ich niemals in meinem Leben vorhatte, auszuwandern. Und auch jetzt bin ich kein Super-Fan von Mexiko. Ich lebe hier eben, weil mich mein Leben hier hingeführt hat – oder mein Partner.
Aber ich habe keine Mexiko-Fahne oder Pins oder Aufkleber sonstwo und ich schreie auch nicht „Viva México“ und ich nehme auch nicht jeden Feiertag mit und ich runzele die Stirn vor übertriebenem Patriotismus. Weil ich diese Land kritisch betrachte. Seine Politik und auch seine Kultur. Weil ich vieles nicht verstehe und nie verstehen werde und das ist auch gut so. Dafür achte ich aber auch besonders drauf, nicht dauernd den Vergleich zu ziehen… („in Deutschland ist das aber anderes….“) und vor allem bin ich höflich und respektvoll, den Menschen gegenüber. Denn eine Sache ist die Landespolitik und die Kultur, die auf einer Geschichte basieren, die sich die Mexikaner so nicht ausgesucht haben (Kolonialismus). Und die andere Sache sind die Menschen, denen ich täglich begegne, mit denen ich mein Leben, meine Nachbarschaft und meine Probleme teile.

Wie ist das also, hier zu leben? Wunderbar! Ich liebe es – auch das muss ich sagen. Ja, Mexiko ist sicherlich ein wunderbares Land. Ich kenne quasi gar nichts davon, außer Zacatecas, aber das ist okay. Ich habe eine gewisse Vorstellungskraft und außerdem noch 26 Jahre vor mir *zwinker* genug Zeit zum Reisen.

Ich hatte kein Problem mit der Sprache, daher habe ich mich von Anfang an zurecht gefunden. Das hilft enorm – die Landessprache zu sprechen!! Ich lerne aber trotzdem fast täglich dazu. Neue Wörter und auch neue Begebenheit.  Im Ausland zu leben, lässt dich permanent etwas lernen. Und das macht uns glücklich wie die Wissenschaft herausfand. Etwas neues zu lernen und Veränderungen, sich anpassen zu müssen. Das bringt Glück.

Ich behaupte, egal, ob du zwei Jahre oder zwanzig in einem Land wohnst, weil du einfach nicht dort geboren wurdest, lernst du nie aus. Man ist und bleibt anders als die Landsleute. Wenn ich im Zentrum alleine unterwegs bin, werde ich ziemlich oft auf Englisch angequatscht oder man möchte mir Touristen-Touren verkaufen. Ich muss immer wieder lächelnd absagen, und versuche wirklich nicht genervt zu sein. Das wird mir wahrscheinlich auch in 20 Jahren noch passieren. So ist das eben.

Man erklärt und erzählt seine Geschichte enorm oft. Jeder Frisör, Gemüsehändler, Taxifahrer, irgendwann wollen sie es einfach wissen, was die Deutsche denn hier in Zacatecas macht. Und so kennen mich wirklich mittlerweile vielen Menschen.

Letztens gehe ich in eine Apotheke. „Sie waren aber lange nicht mehr hier.“ und ich musste wirklich erstmal denken und innehalten. Klar, habe ich diese Person erkannt, weil sie nun mal in der Apotheke arbeitet, aber sie mich? Und das ich lange nicht mehr da war….!? „Jaaaa, die Kinder wachsen, die werden nicht mehr so oft krank…!!??“ Was sollte ich denn sonst sagen!? So schnell fiel mir da nix Gescheites ein. Man fällt meistens im Ausland auf. Als Deutsche in Asien, Afrika oder Südamerika… oder Mexiko. Man ist immer die Blonde „guerrita“, kann man nix machen. Auch Haare färben, bringt da nichts.

Also, wird man dauernd mit seiner Identität konfrontiert. So deutsch habe ich mich bisher noch nie in meinem Leben gefühlt. Das kommt einfach. Die Leute fragen dich. Wer das nicht mag, sollte zuhause bleiben oder unhöflich werden und einfach nicht antworten – aber das ist ja auch nicht die schöne Art zu leben.

Es ist hier theoretisch nicht anders, als in Deutschland zu leben — denn überall gibt es Vor- und Nachteile. Auch denselben Kram erlebt man: In Deutschland nerven dich die Leute beim Autofahren und hier auch – nur das hier keiner jemals eine Fahrschule besucht hat. Aber du regst dich trotzdem auf. Wahrscheinlich ist es einfach menschlich oder man trägt es selber mit sich rum. Ich fahre nun immer stets früher los, dann bin ich entspannter und habe keine Eile und lasse die anderen sich vordrängeln. Bitte sehr.

Also, ist es nicht anders in Mexiko zu leben, als in Deutschland? Theoretisch, aber in der Praxis — selbstverständlich ist es vollkommen anders!! Das Klima ist anders, die Sprache, die Menschen, die Gepflogenheiten, das Essen, die Infrastruktur…. alles eigentlich. Aber dennoch, reduzieren wir alles auf das Wesentliche.. ist es doch das gleiche im Alltag. Die Kinder in die Kita, einkaufen, essen machen, Kinder abholen, mit den Kindern spielen, Papa kommt nach Hause, Kinder baden, schlafen, Fernsehen und so fort… klingt doch wie in Deutschland, oder?

Also, ich komme hier bestens zurecht. Mehr als das. Ich bin wirklich glücklich, hier in Zacatecas, mitten in Mexiko. Ich behaupte, dass man es schnell weiß, ob man zurechtkommt oder nicht. Wenn man nach einem Jahr sich über alles aufregt und genervt ist und lieber zuhause alias im Haus bleibt, dann sollte man wirklich nicht im Ausland, zumindest nicht in diesem Ausland bleiben.

Meine Cousine hat mal ganz klar zu mir gesagt, dass sie niemals in Mexiko leben könnte und auch nicht aus Deutschland auswandern würde. Sie hat schon einige Zeit in anderen Ländern gelebt. Also wird sie wissen, was sie sagt. Ich war neugierig. „Und warum?“ „Die Pünktlichkeit, die Sauberkeit, das System – ist mir alles zu wichtig.“ Verstehe ich gut. Sind auch Dinge, auf die ich wert lege. Aber es gibt andere Dinge, die für mich persönlich viel wichtiger sind. Und weshalb ich gerne über anderes hinwegsehe.

Das Klima, ich kann es nur immer wieder sagen, ist ein großer Bonus. Ich brauche Sonne, sonst werde ich launisch und missmutig. Das habe ich aber erst nach einiger Zeit hier in Mexiko gelebt und nach der Rückkehr nach Deutschland im vergangenen Winter. Ging gar nicht!

Außerdem finde ich es genial, dass ich hier meinen Job wechseln konnte. Ich bin sehr gerne Deutschlehrerin. Allein der Gedanke mir in Deutschland Arbeit zu suchen, treibt mir Schweißperlen auf die Stirn. Das bisschen Arbeitserfahrung, die ich gemacht habe, reicht mir persönlich, um zu wissen, dass ich mich schnell gestresst und unter Druck gesetzt fühle. Gut – als Regional-Reporterin ist das wohl auch kein Wunder… aber es geht nicht mal darum.

Hier bin ich nun mein eigener Chef und das ist das beste für mich persönlich. In Deutschland hätte ich diese Erfahrung womöglich nie gemacht. Und schon gar nicht hätte ich als Deutschlehrerin so ganz ohne Pädagogik-Studium arbeiten können. Das ist für mich ein großes Plus. Das hier oft Menschen etwas flexibler sind. Wenn du etwas kannst, zeig das du es kannst und es ist egal, was für einen Beruf du erlernt hast. Das ist natürlich in Ministerien etc. nicht der Fall. Aber zum Beispiel eine Freundin von mir hat Ernährungswissenschaft studiert, ein beliebter Studiengang, was zur Folge hat, dass sie keinen Job findet und arbeitet jetzt in der Verwaltung einer Kosmetik-Schule. Why not!? Warum eigentlich nicht. Wenn sie ihre Arbeit gut macht?

Na,..  und um mal auf den Punkt zu kommen. Natürlich bin ich auch stolz darauf, in Mexiko zu wohnen. Wer kann das schon von sich behaupten!? Von mehr als 82 Millionen Deutschen nur ein paar Tausend. Ich meine, dieses im Ausland wohnen und sich richtig gut zu fühlen. Ohne Heimweh. Auch Familie und Freunde vermisse ich nicht so sehr, wie ich es vielleicht könnte. Das Internet macht vieles einfacher und ich bin viel zu glücklich, hier zu wohnen und nicht in Deutschland.

Soweit meine Einstellung und Erfahrung. Wie seht ihr das? Vermisst ihr Deutschland sehr?

 


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