Über den Jahreswechsel 2017/2018 (alles Gute noch für 2018 an alle LeserInnen) war ich mit meiner Familie in Deutschland. Nach zweieinhalb Jahren zurück in der Heimat. Zurück in meinem Geburtsort sogar nach dreieinhalb Jahren – zuletzt war ich in Braunschweig im Jahre 2014. Wie war das nun?
Im Vorfeld war ich sehr aufgeregt. Habe ich mich unendlich gefreut. Habe eine kleine Liste gemacht, mit Dingen, die ich tun wollte, wenn ich „wieder zurück bin“. Außerdem wurde ich sentimental. Was, wenn ich mich viel wohler in Deutschland fühle? Was, wenn ich nicht mehr zurück will? Was, passiert, wenn ich irgendwelche Heimwehgefühle entwickle?
Gut, aber erstmal nicht viel tiefer darüber nachdenken. Das kann ich ja sehen, wenn ich dort bin, dachte ich mir. Gesagt, getan. Somit war ich erst einmal mit Koffer packen beschäftigt für mich und die Kinder – mein Mann kann das schon alleine. Ich habe die Klamottenfrage so praktisch wie nur möglich gehalten. Davon überzeugt, in Deutschland auch shoppen zu gehen. Daher waren wir mit zwei Koffern und zwei Rucksäcken als Handgepäck nach Deutschland unterwegs.
Die Reise fing, wegen des Schneechaos in Amsterdam am 10.12. bereits mit einem persönlichen Chaos an. Noch hier in Zacatecas erhielten wir die Nachricht, dass unser Flugzeug verspätet in Mexiko-Stadt ankommt. Na super, mit zwei Kindern bis in die Nacht oder sogar den Morgen hinein warten. Blöd. Am Flughafen in Zacatecas angekommen, konnten wir aber umbuchen, die Airline wechseln, und sind somit doch noch am selben Abend losgeflogen.
Ankunft Amsterdam: Totales Schneechaos. Unsere Koffer konnten sie uns nicht geben, weil der Flughafen komplett gesperrt wurde. Keine Bahn, kein Mietauto und vorerst kein Hotelzimmer zu kriegen. Die Restaurants waren restlos überfüllt, nur Burger King tat seine Dienste und „Fast Food“ war in dem Moment eine Wohltat, weil es wirklich zügig voranging.
So fing unser Urlaub also an, mit einem Schneechaos und einer angespannten Situation. Wir haben es gut gemeistert. Haben ein Hotel gefunden und unsere Koffer am nächsten Tag ebenfalls. Und konnten uns mit einem Tag Verspätung in die Sitze des Zuges fallen lassen, der uns nach Deutschland brachte, und noch am selben Abend konnten wir, von meinem Bruder selbst gekocht, mein gewünschtes Essen, Gulasch mit Rotkohl und Kartoffelklößen essen. Deutschland hatte mich wieder.
Im Laufe der Tage und Wochen, die wir in Deutschland verbracht haben, haben wir viel Besuch bekommen. Jeden Tag stand eigentlich jemand auf dem Programm. Das war natürlich sehr viel, aber so ist das nun mal, wenn man sich sonst nicht blicken lässt. Ich habe es versucht mit so viel Entspannung wie nur möglich zu nehmen. Jeden Besuch zu genießen. Das war auch wirklich möglich. Wir haben viel, sehr viel geschlafen. Und sehr viel gegessen. Uns hatte es voll erwischt, mit der Zeitumstellung und dem Klima.
Der Schnee in Amsterdam sollte soweit der einzige Schnee sein, den wir sahen, in unserem gesamten Aufenthalt. Stattdessen Regen, 14°C Außentemperatur. Grau in grau. Ich hatte vergessen, wie Winter in Deutschland wirklich ist. Früher war ich ein Herbst- und Winter- Typ. Plötzlich wurde mir aber bewusst, dass ich das nicht mehr bin. Ich habe mich verändert.
Einige Dinge auf der Liste, der Sachen, die ich in Deutschland unbedingt tun wollte, habe ich abgehakt. Einiges auch nicht. Durch den permanenten Besucherstrom, war das auch nicht mehr so wichtig und ich war glücklich mit dem, was ich hatte. Wie war das nun, in Deutschland zu sein? Eigentlich wie immer. Alles war völlig normal. Auch beim Essen – etwas, was viele im Ausland Lebende als erstes vermissen – hatte ich keine „boah-wie-habe-ich-das-vermisst“-Gedanken. Es war lecker, ich habe es genossen. Ich war fasziniert von der Konsumwelt – all die Dinge, die man kaufen kann. Ich hätte mich dumm und dämlich kaufen können. So schöne Sachen, so viele Möglichkeiten. Aber niemals verfiel ich in Wehmut oder hatte Gedanken wie „all das habe ich nicht mehr, wenn wir fahren“. Es war wunderbar in dem Moment und ich habe die Augenblicke mit den verschiedenen Menschen voll gelebt.
Als unser Abreisedatum näher rückte, freute ich mich ebenfalls. „Endlich nach Hause“, sagte ich in einem Moment zu meinem Mann und plötzlich war mir bewusst, was ich gesagt hatte. „Nach Hause kommen“, war für mich nach Zacatecas zu kommen. Mein Wohnort war nun auch mein Zuhause geworden. Die Heimat würde immer meine Heimat bleiben, aber ich würde in Zukunft stets nur Besucherin sein. Ich würde die Besucherin sein und meine Familie und Freunde würden mich empfangen. Das wurde mir bewusst. Und so viele Bedeutungen, die daran hängen.
Ich bin nie viel herum gekommen in der Welt. Und ich würde auch nicht sagen, dass Mexiko nun, da ich hier lebe, mein absolutes Lieblingsland ist. Ich könnte so etwas nicht definieren. Ich lebe sehr gerne hier, in Zacatecas. Ich fühle mich sehr wohl und finde es schön. Abgesehen vielleicht von seiner Politik oder dem System, was sie Politik nennen, ist Mexiko ein unglaublich faszinierendes Land. Aber ebenso finde ich Deutschland schön und facettenreich. Ich könnte ebenso gut in Deutschland gut leben. Und es geht hier auch nicht, um eine Entscheidung, welches Land besser ist.
Für mich persönlich, an diesem aktuellen Punkt in meinem Leben, lebe ich sehr gerne hier in Zacatecas in Mexiko. Ich vermisse Deutschland nicht, lasse aber trotzdem nicht noch einmal mehr als zwei Jahre vergehen, bis ich wieder hinreise. Es stimmte mich in dem Moment der Erkenntnis, als ich meinem Mann sagte, „endlich nach Hause“, es stimmte mich etwas traurig. Als hätte ich einen Teil von mir verloren. Als gehöre ich nicht mehr dazu. Der Abschied fühlte sich anders an. Ich habe nicht geweint, wie die letzten Male. Ich war nicht traurig. Und doch, wo ich diese Worte schreibe, fühle ich Trauer, über das, was ich hinter mir lasse. Und mir wird jetzt richtig bewusst, dass ich nun hier lebe. In Mexiko. Und dass ich es genieße. Und dass ich kein Herbst/Winter-Typ mehr bin. Sondern die Sonne liebe. Jeden Tag Sonne und blauer Himmel. Menschen verändern sich und auch ich habe einen kulturcambio — einen Kulturwechsel hinter mir – den meiner ganz eigenen Kultur, meiner Vorstellungen und Vorlieben.
Von Anfang an hatte ich keine Probleme hier in Zacatecas zu leben. Jeden Tag oder jede Woche lerne ich noch dazu. Ich bin mir in Zacatecas ständig bewusst, dass ich Ausländerin bin und verhalte mich respektvoll und höflich. Aber es stört mich nicht, immer die andere zu sein. Das liegt aber sicherlich auch an den Mexikanern. Die mir ebenfalls stets höflich und respektvoll gegenüber getreten sind. Nicht einmal kann ich mich an ein schlechtes Wort erinnern. Außer, dass ich mich ab und an darüber ärgere, sofort als US-Amerikanerin abgestempelt zu werden. Aber damit kann ich leben.
Heimaturlaub – wie fühlt sich das an? Gut, fühlte es sich an, solange es andauert. Heute bin ich etwas traurig darüber, kein Heimweh zu haben und Deutschland oder die mir nahe stehenden Menschen, die dort leben, nicht sonderlich zu vermissen. Das Internet hilft natürlich beträchtlich. Nicht auszudenken, wie es war vor 30 Jahren.
Und so bleibt es spannend, mein Leben hier in Zacatecas. In diesem Jahr werden wir ein bisschen mehr durch Mexiko reisen. Es gibt außerdem eine Hochzeit zu feiern. Das Leben geht weiter, hier zuhause.
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