Nahuel hat spät angefangen zu krabbeln. In der Kita haben sie deshalb schon Druck gemacht. Ich müsse doch mal zu einem Kurs gehen, um dem Kind die geeignete Stimulation zu geben, damit er sich bewegt. Am 4. April fing Nahuel an zu krabbeln. Mit einem Jahr, einem Monat und 13 Tagen. Drei Tage später begann der Kurs. Was soll ich sagen? Jedes Kind nimmt sich die Zeit, die es braucht. Und wenn Nahuel noch nicht mit acht Monaten oder neun Monaten oder einem Jahr krabbeln will, dann ist das eben so. Ich hoffe, alle Mamas da draußen, lassen sich bitte nicht durch andere Menschen stressen.
Bei dem Kurs handelt es sich um ein Angebot des Staates. Ein neues Zentrum wurde eingerichtet, um die Entwicklung von Kindern von 0 bis 5 Jahren zu überprüfen und wo nötig, zu korrigieren. Alles ist kostenfrei. Bei der Anmeldung durchläuft man mehrere Stationen: Kinderarzt, Ernährungswissenschaftler, Psychologen, Ergotherapie, Linguistiker – also Sprachentwicklung prüfen. Dann gibt es ein Ampelsystem. Ist bei dem Kind alles grün, dann ist es seinem Alter entsprechend entwickelt und es ist keine Therapie nötig. Bei einer „gelben“ Einstufung, ist eine Hilfe empfehlenswert, zeigt das Ergebnis rot an, dann muss dringend etwas getan werden.
Bei Tanok war die Ampel grün. Nahuel zeigte Schwächen in seiner Motorik (weil er sich nicht bewegte…) und auch seiner Sprache (weil er mit einem Jahr schon Basis-Wörter, wie Wasser, Essen oder Hunger, Mama und Papa sprechen können sollte…). Also wurden für ihn Termine gemacht.
In der Sprachtherapie sagte uns die Therapeutin, dass es reicht, wenn wir einmal im Monat kommen und gewisse Übung zuhause mit Nahuel machen, um ihn zu fördern. Ein richtiges Problem sah sie da noch nicht.

Einmal in der Woche sollten wir nun also zur kindlichen Früherziehung oder wie auch immer ich estimulacion temprana übersetzen soll. Das hat Nahuel mehr gestresst als alles andere. Um 13 Uhr war der Termin. Ich habe ihn um 12.30 Uhr, also gleich nach dem Mittagessen aus der Kita abgeholt. Da war er normalerweise und verständlicherweise müde. Ich bin schnell zum Kurs gefahren und da sollte der arme Kerl sich nun bewegen. Dreimal waren wir da, danach habe ich es gelassen. Zur Musik bewegen und Spielzeuge benutzen und wegräumen, das kann und mache ich auch zu Hause. Mein Mann sagt: „Die beste Stimulation für Nahuel ist Tanok.“ Der springt herum, singt und spielt und macht alles vor. Nahuel muss „nur“ nachmachen. Tut er ja auch. Aber in seinem Tempo.
Nun haben wir Mitte Juni. Der kleine Nahuel krabbelt zwei Monate nach seinen ersten Krabbelversuchen wie ein Weltmeister. Außerdem zieht er sich hoch und hangelt sich überall dran entlang. Ein Jahr und vier Monate ist er fast alt. Er fährt mit dem Rutschauto (fast) so schnell wie sein großer Bruder. Er läuft an einer Hand, wenn auch noch mit ein paar Gleichgewichtsschwierigkeiten. Er krabbelt die Treppe hoch. Er sagt „Papa“ und „Mama“, „agua“ (Spanisch -> Wasser) und „Bonbo“ (Bonbon), „Bu“ (Bus oder Buch) und „Auto-brumm“, „este“ (spanisch -> dieses) und „ba“ (Ball), „Nane“ (Banane) und „ape“ (Apfel) und „au“ (auf) oder „aauua“ (Aua… weh getan).
Das bedeutet, er macht eine ganz normale Entwicklung durch. In den letzten zwei Monaten vielleicht etwas viel auf einmal – zu dem sind ihm noch sechs Zähne gewachsen, aber er macht alles ganz tapfer mit und lächelt trotzdem viel. Genauso wird er schon wütend und haut und verteidigt sein Spielzeug (weil Tanok ihm alles wegnimmt). Ein ganz durchschnittliches Kind – wenn es so etwas gibt.
Frühkindliche Stimulation von außen – bei uns nicht nötig gewesen.
Entdecke mehr von NORA SCHMACKERT
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
