Wie ist das eigentlich hier mit dem Sterben?

Am Mittwoch traf ich meine Nachbarin, die rechts von uns wohnt, auf der Straße und erfuhr, dass mein anderer Nachbar, der links von uns wohnt, verstorben ist. Überraschend, auch wenn er bereits ein gewisses Alter hatte und vor ein paar Wochen gestürzt war und sie seine Hüfte zusammennageln mussten. Er schien auf dem Weg der Besserung, doch scheinbar hatte er Schmerzen verschwiegen. Seine Füße und Beine fingen an abzusterben (er hatte auch Diabetes) und als die Ärzte das entdeckten, war es zu spät. Sie hätten ihm beide Beine abnehmen müssen. Das wollte der alte Don Nava nicht und somit besiegelte er seinen Tod. Einen Tag später schloss er für immer die Augen.

Unter den Nachbarn sammelten wir Geld. Erst gedacht für einen Kranz – dann nach einer Überlegung, gedachten wir, das Geld lieber direkt der Familie zukommen zu lassen. Denn sie sind nicht gerade wohlhabend und Sterben ist nirgends gratis, bzw. das, was danach auf die Angehörigen zukommt – ihr wisst schon, was ich meine.

Nach dieser Neuigkeit lief ich erstmal zurück und ließ den Handwerker, der gerne mit lauter Musik arbeitet, sein Handwerk stoppen und gab ihm frei. Muss ja nicht sein, das laute Gehämmer, wenn der Nachbar verstorben ist. Etwas später informierte mich erneut meine Nachbarin, von rechts, dass die ganze Familie gar nicht da ist. Sie seien im Krankenhaus und danach in der capilla. Aha. Somit ließ ich den Handwerker weitermachen.

Zweiter Schritt – meinen Mann anrufen. Der geschockt von der Nachricht. Oft hatte er sich mit dem alten Mann unterhalten. Auch ich war betroffen. Wir leben erst ein halbes Jahr hier, aber Don Nava war der Erste der Nachbarn, der sich mir vorgestellt hatte.

Am Abend beschlossen wir zur capilla zu gehen. Mit Kindern? Wohl nicht. Also mein Mann besser alleine. Ich habe erstmal Fragen an ihn gestellt. Was passiert denn da? Vom Krankenhaus kommt der Tote zu einem Bestattungsunternehmen, je nachdem wie groß das ist, wird der Tote in einem Raum oder einem Saal aufgebahrt, im Sarg. Das ist für mich als Deutsche natürlich befremdlich. Deutsche meiden den Tod und das Gespräch davon und überhaupt wird das Thema eher gemieden – kein Tabu, aber unangenehm schwierig. Da liegt also der Tote im offenen Sarg, und man kann sich von ihm verabschieden. Meistens einen Tag, die Katholiken sind ja zügig mit den Beerdigungen.

Da ich noch nie bei einer Totenwache (ich glaube, dass ist das deutsche Wort dafür) war, beschlossen wir morgens, wenn die Kinder in der Kita sind vorbeizugehen. So war es dann auch. Das Bestattungsunternehmen ist riesig. Sie haben sogar eine Kapelle. Die haben sie die sixtinische Kapelle genannt… ich war nicht drin, aber von außen her, kann ich mir schon vorstellen, wie es innen aussieht. Der Tod ist eben auch nicht umsonst.

In der Eingangshalle herrscht Ruhe. Es riecht nach Kaffee. An der Tür weist ein Schild daraufhin, dass man Kinder doch besser draußen lassen sollte. Trotzdem laufen Kinder herum. Es gibt jede Menge Sofas. Von der Eingangshalle gehen kleine Räume oder Säle ab. Fünf konnte ich zählen. Die Familie unseres Nachbarn ist schnell gefunden. Ich habe von dem Raum kein Foto gemacht, das ist wohl verständlich. Ich wollte nicht als Paparazzo durchgehen. Auch mit dem Handy hatte ich keine Chance. Es gibt viele Stühle und noch mehr Sofas. Der Sarg ist auf einem kleinen Podest. Es gibt jede Menge Blumen, die Blumenkränze, die wir vom Friedhof kennen, mit denselben Schleifen bzw. Bannern, wo der Name der Familie oder der Person drauf steht, die dem Toten mit den Blumen gedenken möchte. Statt Kerzen gibt es Lampen, was ich sehr schade finde. So eine Energiesparlampe hat einfach nicht den gleichen Effekt, wie eine Kerze.

Es ist relativ still, als wir kommen. Viele Verwandte, meist die Kinder, schlafen auf den Sofas. Wir reden mit einer Schwiegertochter, die auch nebenan wohnt. So erfahren wir erstmal genau, was passiert ist. Ich rede noch ein bisschen mit der Enkeltochter, die oft mit Tanok spielt. Dann treten wir zum Sarg. Unser Nachbar sieht friedlich aus und viel jünger, als ich ihn in Erinnerung hatte. Ich fühle nichts seltsames, komme mir nicht befremdlich vor. Aber ich denke, wenn es ein Verwandter wäre, würde ich sofort anfangen zu weinen. Der Tote sieht auf diese Weise eher aus, als würde er schlafen. Und das kann ich mir hart vorstellen, wenn man doch weiß, dass er nie wieder aufwacht.

Als die Frau von unserem Nachbarn, die señora Juanita, kam (weil sie wohl kurz zuhause war, um sich frisch zu machen), haben wir gleich ihr gegenüber unser Beileid verkündet. Die Frau tut mir so leid, weil alles so schnell ging, dass ich glatt mal anfangen musste zu weinen. Aber ich hatte mich schnell wieder im Griff. Ich habe meist sehr viel Mitgefühl für die Hinterbliebenen. Die müssen ja nun irgenwie klar kommen.

Wir haben uns dann auf die Stühle gesetzt und gewartet und dann fing, wohl eine Schwester des Hinterbliebenen, an mit Beten. Und das zog sich. Ich habe nicht die Hälfte davon verstanden. Es ist wie ein Singsang und sie hat vorge“sungen“ oder vorgesprochen und die anderen Anwesenden fielen dann an bestimmter Stelle mit ein. Als Protestanten könnte ich es mit den Fürbitten im Gottesdienst vergleichen.

Nach einer halben Stunde, gefühlt aber drei Stunden, war Schluss und wir konnten uns verabschieden und höflich zurückziehen. Die Messe war an dem Tag um 12 Uhr. Da hatten wir keine Chance hinzugehen. Wir mussten arbeiten.

So sieht es also aus. Nachdem der Tote bestattet ist, wird neun Tage lang im Haus des Verstorbenen gebetet. Die Nachbarn und Familienangehörigen kommen zusammen und beten – vermutlich der gleiche Singsang, den ich schon in der Kapelle gehört habe. Es gibt ein bisschen etwas zu essen und zu trinken und dann geht jeder seinen Weg. Ist nichts für mich, aber selbst mein Mann hat es nicht geschafft an all diesen Tagen um halb sieben von der Arbeit zu kommen, um einmal wenigstens rüber zu gehen.

Wie beschlossen lieber in Naturalien etwas beizutragen und der guten Frau Chili oder Bohnen zu bringen.

Das ist also die Sache, mit dem Sterben hier in Zacatecas. Ich dachte mir, dass ist auch mal einen Beitrag wert gewesen.

 

 


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