Beim Futterkauf Thema aufgeschnappt: Die verlorenen Zacatecaner

„Ach, wir fühlen uns alleine. Man wartet nur darauf, dass die Enkel vorbei kommen“, sagte Beatrice mit einem schweren Nicken. Am Wochenende waren wir einmal mehr auf dem Dorf. Und ich habe Weizen für die Hühner gekauft. Im Geschäft von Beatrice, wo man noch so allerhand anderes kaufen kann. Wir kamen ins Gespräch, redeten über dies und das und eben auch über Enkel. Ich habe ja nun keine, aber ich bringe die Enkel zumindest zu ihren mexikanischen Großeltern, nach Möglichkeit, jedes Wochenende und jetzt auch schon mit Übernachtung. Daraufhin nun Beatrice, oder auch Betty wie sie genannt wird, dass sie ihre Enkel stets erwartet. Die Kinder ihrer Tochter. Ihre Söhne lebten nicht in Zacatecas, die leben in den USA.

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In dem Laden von Beatrice kann man allerlei Körner kaufen. Hier gibt es auch Weizen für die Hühner.
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Denn meine Schwiegermutter hat mittlerweile einige Hühner herumlaufen.
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Und eine Henne hat nun auch Küken.

Eine Statistik kenne ich nicht, aber von mehreren Seiten, habe ich es gehört und auch mein Mann sagt es so: Es gibt zirka 3 Millionen Zacatecaner (des Staates Zacatecas) und die Hälfte von ihnen lebt in den USA. Die Mehrheit illegal. Vor Jahren und Jahrzehnten haben sie die Grenze überschritten, um in den Vereinigten Staaten ein vermeintlich besseres Leben zu führen. Da sie keine Aufenthaltserlaubnis haben, wollen sie das Land nicht verlassen und sind gefangen in ihrem amerikanischen Traum, in ihrer Freiheit. Viele haben ihre mexikanische Familie seit der Auswanderung nicht mehr gesehen; wenn sie nicht Glück hatten und wiederum die Verwandtschaft sie besuchte. Beide Söhne von Beatrice sind seit sie „rüber gemacht haben“ nicht mehr in Mexiko gewesen, eben aus diesem Grund. Der Angst, dass man sie nicht mehr zurücklassen würde in die USA. Der eine ist somit seit 14 Jahren weg und der andere seit 16 Jahren. Beatrice hat noch vier weitere Enkel, alle in den USA. „Ich kenne sie kaum“, gesteht sie. An Weihnachten ist es besonders traurig. „Acht Jahre, zweimal sechs Jahre und die kleinste ist vier“, zählt die mexikanische Frau das Alter ihrer „amerikanischen“ Enkel auf.

So wie Beatrice geht es vielen. Ich habe schon unzählige ähnliche Geschichten gehört. Immer wieder so etwas wie, „ich habe sechs Kinder, aber vier davon sind in den USA“. Auf dem Dorf gibt es viele diese zerrissenen Familien. Doña Maria ist eine alte Frau, die ich sehr ins Herz geschlossen habe. Sie geht leicht gebückt und braucht eigentlich stets jemanden der sie stützt. Sie hat noch zirka fünf Zähne, aber ein bezauberndes Lächeln und ist ein herzensguter Mensch. Wenn sie einen begrüßt, riecht es immer etwas nach Rose, von der Creme, die sie benutzt. Doña Maria lebt alleine mit ihrem Sohn, in einem Haus, das zerfällt. Im Winter kommt die Kälte durch die Mauern, im Sommer der Regen. Allerdings hat die alte Frau noch acht andere Kinder – alle leben in den USA. Und lassen sich nicht blicken. Sie unterstützen nicht einmal ihre alte Mutter mit etwas Geld. Das macht mich persönlich sehr traurig und es empört mich auch. Gerade, weil Doña Maria kein schlechter oder böser Mensch ist. Ganz im Gegenteil.

Natürlich geht es auch anders. Die Großmutter meines Mannes hatte elf Kinder bekommen. Neun Leben noch. Und eine Tochter lebt in den USA. Darüber hinaus auch die Enkel und Urenkel. Zusammen mit ihrem Ehemann, erhält sie Anrufe und Geschenke. Aber auch ihre Tochter kann nicht raus aus Amerika, sie hat keine Papiere.

Und so hat jede Familie hier in Zacatecas ihren Verwandten in den USA, den sie lange nicht gesehen hat und kann eine mehr oder weniger traurige Geschichte erzählen. Das ist Normalität. Und obwohl es viele Schwierigkeiten gibt, für Mexikaner in die USA zu gelangen, versuchen es trotzdem noch tausende, weil sie meinen dort ein besseres, ein vielversprechenderes Leben zu führen.

Betty hofft, bald einmal wieder nach Amerika reisen zu können, um ihre Enkel zu sehen. „So Gott will, in diesem Jahr noch“, sagt sie und lächelt wehmütig. Die Tränen in den Augen zeigen, wie sehr sie darunter leidet, dass ihre Familie zerrissen ist. „Manchmal denke ich, wenn ich doch nur mehr Kinder gehabt hätte, dann wären vielleicht mehr geblieben und es wäre nicht ganz so schwer.“


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