Krankenhaus

Alle schlafen, daher habe ich Zeit – zum Lesen. Ich klicke mich gerade mal mehr, mal weniger interessiert durch andere Mama-Blogs und bin immer wieder überrascht, was es in deutschen Krankenhäusern alles für Regeln und Situationen bezüglich Geburten gibt, die ich so nicht (mehr) kennenlernen werde. Vielleicht niemals.

Hier in Zacatecas wurde ich nach der Geburt recht alleine gelassen. Ich glaube auch kaum, dass es eine Regelung gibt, das Kind der Mutter wegzunehmen und auf die Intensivstation zu verfrachten (wie ich es gerade las), sofern es vor der vollendeten 37. Schwangerschaftswoche geboren wird – ohne Ausnahme. Ich bin geschockt. Nun, hier war alles sehr einfach gestrickt. Was ich ab und zu belächele, aber am Ende darf ich wohl froh darüber sein, dass es nicht das Gegenteil ist.

Kurzfassung Geburt: Der Raum war seltsam, weil direkt neben mir zwei andere Frauen lagen – die eine erwartete ebenfalls ihr Kind. Die andere.. ich weiß es leider nicht. Sie hatte anfangs geweint und auf dem Zimmer ist sie nie erschienen – vielleicht Abtreibung oder Kind gibt keine Lebenszeichen mehr von sich. Ich weiß es nicht.
Nun, es war seltsam, im Nachhinein noch mehr, da ich exakt an diesem Ort mein Kind zur Welt gebracht habe – neben den anderen Frauen. Da war nix mit Kreißsaal. In der Frauenklinik gab es das sehr wohl. Hier eher nicht. Da wurde das Bett umgebaut und fertig.

Im Endeffekt ist es einem in dem Moment der Geburt völlig egal, wo man liegt und presst. Aber im Nachhinein ist es seltsam, befremdlich und sogar etwas beschämend. Ich bin nämlich, was Schmerz angeht, sehr empfindlich. Weshalb ich schreie, weine und jammere – ohne Scham oder Rücksicht. Ist mir egal, was andere davon halten, oder wenn sie sich gestört fühlen, ich kann da nun mal nicht anders. Mexikanerinnen scheinen eher die still-Leidenden zu sein.

Wie dem auch sei – das war seltsam. Nach der Geburt wurden wir, das Baby und ich, getrennt versorgt. Ich habe den Kleinen aber die ganze Zeit schreien hören – und genau darauf geachtet woher das Weinen kam. Ausgetauscht haben sie ihn nicht. Das hätte ich gemerkt.
Ich bat, die Plazenta sehen zu dürfen, weil ich gehört hatte, dass sie schön aussehen soll. Die Ärzte haben sich nur milde lächelnd angeguckt und ich wusste dann auch warum: Sieht total organisch und gewöhnlich aus. Wie eine Leber. Aber riesig ist die – meine Güte. Das hätte ich nicht gedacht. Kein Wunder, dass ich eine Woche später alles an Gewicht wieder runter hatte. Die sieben Kilo waren nur das Kind (3600g) und Plazenta nebst Fruchtwasser.

Dann kam der Kinderarzt, gratulierte mir, zeigt mir meinen Sohn, sagte, dass alles in Ordnung sei und fragte mich (!), ob ich das Kind bei mir haben wolle oder ob er, bis ich versorgt bin, es halten solle. Ich wollte natürlich mein süßes Baby selber im Arm haben. Damit übergab er es mir und fertig. Als ich versorgt war, schob ich mich auf ein anderes Bett, nahm mein Baby und wartete darauf, dass meinem Mann draußen Bescheid gesagt wurde, dass wir nun aufs Zimmer gebracht werden. Ach, für die, die es noch nicht bei mir gelesen haben: Der Vater ist hier grundsätzlich bei der Geburt nicht dabei – außer in privaten Krankenhäusern lassen sie das zu. Während ich gewartet habe, habe ich angefangen meinen Sohn zu stillen.

Hier allerdings der Unterschied – ich durfte Leo einmal sehen, weil ich darum gebeten hatte. Ich wollte ihm nur etwas mitteilen lassen, aber sie haben ihn geholt und durch ein „Fenster“ zum Gang durften wir kommunizieren – uns etwas zurufen, es war etwas weiter weg. Das ist total lächerlich die Situation, aber in dem Moment war ich trotzdem gerührt. Wahrscheinlich lag es auch an den Hormonen. Was wollte ich sagen? Dass er doch bitte meine Haushaltshilfe anruft, weil sie heute nun definitiv nicht kommen braucht. Ja, ich hatte wahrlich tiefgreifende Gedanken, da so liegend…

Ich wurde mit meinem Neugeborenen und mit meinem Mann an der Seite über einen Gang geschoben, über den ich vorher bereits selbst mehrmals gelaufen war: Hinter der Notaufnahme zu der Blutbank. Ergo: Da kann jeder rein!! Eine Frau mit ihrer Tochter gleich: „Oh, wie süß, ein Neugeborenes: Darf ich mal gucken?“ „…äh ja, aber nicht anfassen…“, war das einzige, was mir in diesem Moment einfiel. Das war der Moment, wo mir klar wurde, in welchem Gang ich mich befand. So was aber auch…! Hallo!? Bakterien??? Dann können sie mich ja gleich am Taco-Stand vorbeischieben. Da war die Frauenklinik aber um Meilen vorsichtiger und besser. Irgendein Idiot könnte mir da ja auch mein Kind entreißen -in meinem Zustand könnte ich da nicht viel tun. Ich muss dazu sagen, dass ich fünf Minuten geparkt wurde, vom Krankenpfleger weil er meinen Mann geholt hatte. Fünf Minuten können da lang sein..

Nun, es ging ja alles glatt. Ich wurde auf ein Sechsbett-Zimmer verfrachtet, was nur für Frauen ist, die ein Kind bekommen haben. Da dachte ich mir noch nichts weiter. Toilette, leider auf dem Gang, aber gleich um die Ecke. Zum Glück. Als ich abends mal auf Toilette war und mein Kind im Bett liegen ließ, dachte ich erst auf der Toilette darüber nach, dass ich ja in einem normalen Krankenhaus bin und nicht in einer Frauenklinik. Hier spazieren Angehörige ein und aus, zumal es die Regel gibt, dass man einen Angehörigen draußen „parken“ darf und falls man was braucht, rufen lässt — denn die Krankenschwestern sehen das nicht unbedingt als ihre Aufgabe an. Ich war in diesem Moment der Erleuchtung, sehr schnell auf der Toilette fertig und bin zu meinem Kind – was glücklicherweise noch da lag. Mein Gedanke war, dass es ja auch jemand klauen könnte. Bin schließlich in Mexiko. Nicht umsonst begleiten einen in Mexiko-Stadt sogar Polizisten beim Besuch der Mutter oder wenn das Baby von der Krankenschwester gebadet wird oder so.

Nun, alles lief gut. Ich habe „ewig“ um mein Essen betteln müssen. Das kam dann um 19 Uhr. Wasser hat mir Leo mitgebracht – sonst gibt es außerhalb der Mahlzeiten nichts. Die eine Frau, die ebenfalls ein Kind bekam, neben mir, wurde erst um 2 Uhr nachts gebracht. Die hatte den ganzen Tag nichts gegessen und musste bis zum Frühstück warten!! Das finde ich mega heftig und unmöglich. Aber gut. Man lässt es über sich ergehen. Hat ja auch keine Wahl.

Entlassung war zur Zeit der Besuchszeit, ab 11 Uhr morgens. Das kannte ich schon. Morgens kommen eh andauernd Menschen, da geht die Zeit relativ schnell rum (ich kann im Krankenhaus einfach nicht schlafen, daher bin ich ab 5 Uhr bereit zur Flucht und warte ungeduldig…). Ich fühlte mich super. Das sah man mir wohl auch an. Ich durfte erstmal duschen. Die Ärzte, die dann bald auftauchten, fragten nur routinemäßig und fertig. Kinderarzt, Gynäkologe. Labor-Krankenschwester nahm mir Blut ab. Eine andere Krankenschwester wusch das Kind noch. Kleine Aufklärung über das Stillen. Frühstück. Impfung für das Kind. Sozialer Dienst klärt mich auf, wann der nächste Arztbesuch sein sollte. Und dann,.. warten. Endlich kommt Leo und ich hab mich angezogen, das Kind angezogen, auf die Entlassungspapiere gewartet – ohne die ich nicht das Krankenhaus verlassen darf. Auch das Kind nicht. Und dann einfach nur noch raus und nach Hause! Nach etwas mehr als 24 Stunden war ich wieder daheim und konnte anfangen, mich auf meinen zweiten Sohn und meine nun vierköpfige Familie einzustellen

 

 


Entdecke mehr von NORA SCHMACKERT

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Hinterlasse einen Kommentar