Vielleicht aber auch nicht.

Beim Blick in den Kalender, ist mir aufgefallen, dass ich schon über ein halbes Jahr in Mexiko bin. Mai bis November. Das ging irgendwie schnell. Aber ist ja auch viel passiert in dieser Zeit. Vieles geschafft, vieles erledigt, vieles erlebt. Und doch irgendwie auch wieder nicht. Ich bin hier wirklich am Leben eines Alltags und oft merke ich, dass es eben kein Austauschjahr, kein Austauschsemester oder kein Intervall in meinem Leben ist, sondern ein ganz neues Lied – wenn ich schon bei dem musikalischen Bild bin…

Wenn ich darüber nachdenke, ist es seltsam. Gerade diese Woche habe ich bei der Auswanderer-Serie „Goodbye Deutschland“ gesehen, dass es auch mal ganz anders laufen kann, mit dem Auswandern. Ein Ehepaar, zwei verschiedene Erfahrungen. Der eine wurde einfach nicht glücklich in Kanada und somit kehrte die gesamte Familie nach sechs Jahren zurück nach Deutschland.

Darüber nachgedacht, musste ich aber erkennen, dass ich meine Situation nicht mit diesen Auswanderern, den klassischen, vergleichen kann. Ich bin nicht vor Langzeitarbeitslosigkeit geflohen, nicht vor Deutschland. Ich hatte nicht den Traum von einem besseren, einem anderen Leben im neuen Land. Keine rosarote Brille also – ergo keine Enttäuschung? Das weiß ich nicht, will es nicht ausschließen, könnte ja noch kommen.

Ich bin – ganz pragmatisch gesagt – einfach umgezogen. So sehe ich das zumindest, so fühlt es sich an. Zwar in ein anderes Land, aber die Situation ist ähnlich. Wie, wenn ich von Magdeburg nach Köln gezogen wäre. Da hätte ich mir auch einen neuen Job, neue Wohnung, neue Freunde suchen müssen. Ich hätte auch dort, das erste Mal mit meinem Freund eine gemeinsame Wohnung gehabt und hätte neue Einkaufsmöglichkeiten entdeckt… wo ist also das Aufregende, zwischen Köln und Mexiko?

Gut, der Job vielleicht. Aber als Journalistin hätte ich wahrscheinlich auch in Köln nix gefunden. Also Pressesprecher, oder etwas anderes. Hier könnte ich sicherlich, möchte ich aber nicht als Journalistin arbeiten – Sicherheitsfaktor – also habe ich mir – wie im hypothetischen Köln – ebenfalls etwas anderes gesucht. Den Luxus noch einmal zu studieren, kann sich ja auch nicht jeder leisten – ich zum Glück schon, weil mein Freund einen sicheren Job hat und genug verdient, um eine Familie zu ernähren. Hätte ich in Deutschland wohl nicht gemacht – da hätte ich irgendwie auf meinen Lebenslauf aufgebaut. Wäre also ein Unterschied. Ein gravierender in meinem Leben.

Ihr sollt mich ja nicht missverstehen, mir ist schon bewusst, dass ich in einer völlig anderen Kultur, Klima- und Zeitzone lebe. Aber es fühlt sich überhaupt nicht so gravierend an. Habe ich also Glück gehabt? Mit meinem Charakter und den Umständen der Auswanderung? Wahrscheinlich.
Vielleicht bin ich ja auch blind und gut im Verdrängen – aber ich reflektiere wirklich viel! Der ach-so-prophezeite Kulturschock bleibt aus.

Vielleicht wird es ja nochmal kompliziert für mich, vielleicht kommt nochmal das Heimweh – Weihnachten naht schließlich – vielleicht kommt ja noch der Kulturschock und das ganz große Gefühl „ich kann hier nicht leben“.

Vielleicht aber auch nicht.

Bis dahin bin ich dankbar, zufrieden und glücklich in meinem mexikanischen Alltag.


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