Paralyse

Heute ist Freitag. Da habe ich sowieso frei. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob heute mal wieder ein Streiktag ist. Es beherrscht das gesamte Uni-Leben. Man ist wie paralysiert, weil man nur in sozialen Netzwerken oder Medien liest und einzig und allein nach der einen Nachricht sucht. Hat man sie gefunden, sucht man eine zweite Quelle, weil auch viele Falsch-Meldungen umgehen. Und so geht es weiter. Gestern Abend um zehn Uhr wurde dann doch noch eine Meldung rausgegeben, dass heute Streik ist. Mein Freund, der um 7 Uhr Vorlesung hält, traute der ganzen Sache nicht und ist nun doch in die Uni gefahren – mal sehen, wie schnell er wieder da ist.

Mittwoch gab es normalen Vorlesungstag. Trotzdem scheinen alle nicht ganz fit zu sein, als würden sie erwarten, dass jeden Augenblick jemand in den Seminarraum platzt und die Vorlesung für beendet erklärt. Eine seltsame Situation – vielleicht ist das auch nur mein Eindruck. Donnerstag war dann tatsächlich wieder Streiktag. Manche bei uns hat es gefreut, weil sie keinen Vortrag in Linguistik halten mussten. Aber es ist ja sowieso nur aufgeschoben. Aufschieben wird die Dozentin in Linguistik wahrscheinlich auch das Semester, was bedeutet, dass sie die Zeit, die uns fehlt, ans Semester hinten dranhängt. Bisher sieht es so aus, als würde ich eine Woche länger in die Uni gehen, Ende November. Was mir natürlich überhaupt nicht passt – und wer weiß, was noch passiert, bis dahin! Vielleicht sitze ich Nikolaus auch noch in der Uni. Theoretisch – der Babybauch macht das eher nicht mit.

Am Dienstag – ein fast normaler Tag – hatte ich erst Informatik-Examen. Das lief eigentlich ganz gut. Es war diesmal praktisch, also mussten wir ein Word-Dokument formatieren. Mal sehen. Trotzdem muss ich sagen, dass ich jetzt im spanischen Word-Format recht fit bin. Auch mit den Vokabeln, sprich der Bedienung. Das fühlt sich ganz gut an. Wir sind jetzt zu Excel übergegangen – grausig, weil ich nicht mal auf Deutsch über eine Standardbedienung hinaus komme. Also lerne ich jetzt sogar noch etwas!

Weiter hatte ich mit einer Mitstudentin am Dienstag einen Vortrag in Linguistik zu halten. Der war nicht sonderlich lang und ich habe mich sehr gut geschlagen. Außerdem habe ich gemerkt, wie gewisse Lehrer-Symptome, wie um Ruhe bitten, Aufgaben verteilen und einfach Leute dran nehmen, wenn sich sonst keiner meldet, bei mir durchschlagen. Liegt wohl doch in der Familie. Sind wahrscheinlich die Gene. Und wenn mein Freund auch noch Professor ist… weiß man ja zu 80 Prozent, was aus dem Kind wird. Auch wenn es 29 Jahre dauert, bis es das weiß – so wie bei mir.

Heute muss ich noch recht viel machen, was Uni-Sachen angeht. Ich habe angeboten eine kleine Foto-Präsentation über mittelalterliche Gebäude in Deutschland und Europa zu machen, weil wir gerade mit dem Mittelalter angefangen haben. Private Fotos natürlich – also wird das jetzt nicht mega-professionell. Dann steht jede Menge Linguistik an für nächste Woche. Vier Texte muss ich noch lesen und erneut ein Glossar erstellen. Davon hatte ich, glaube ich, schon mal berichtet. Diesmal versuche ich zu vermeiden, dass es eine Nacht-und-Nebel-Aktion wird. Ich könnte ja mal eher anfangen. Sprich heute.

Ansonsten steht der Día de los muertos vor der Tür. Was mich erwartet, weiß ich allerdings noch nicht. Heute wären theoretisch Kostümwettbewerbe und auch literarische Wettbewerbe in der Uni gewesen – aber durch den Streik fällt das wohl alles aus. Am Sonntag gehen wir wohl mit der Familie auf den Friedhof. Mehr weiß ich bisher noch nicht. Es gibt leckeres pan de muertos, also „Totenbrot“ zu kaufen. Das ist ein süßes Hefegebäck. Sehr lecker. Ansonsten ist in den Läden auch viel wie zu Halloween geschmückt – das überschneidet sich ja komplett und das Thema ist ja auch fast ähnlich. Mehr kann ich über diesen Feiertag noch nicht berichten, die politische Situation versaut alles.

Vorgestern waren die Eltern der verschwundenen Studenten fünf Stunden lang beim Präsidenten von Mexiko. Sie sind aber sehr böse wieder aus seinem Büro gekommen. Mehr als Aufklärung, eine extra Kommission zur Suche ihrer Kinder und so weiter hat er nicht versprochen oder gesagt. Das war doch nur für die Medien, zur Schlichtung der Gemüter. Nach sechs Wochen etwas lahm, würde ich sagen. Das hätte schon nach vierzehn Tagen (spätestens) passieren sollen. Aber bitte – meine Meinung. Ich beobachte die Situation weiter.


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